| MEDIEN-KONTOR:NOTIZEN |
| Operette macht dick |
Notizen |
Mittwoch, Juli 31, 2002
Gerhard vs. Edmund Sehr lesenswerter Artikel von Jochen Schimmang in der "FR": Es geht darum, dass das Schrödersche Modell gescheitert scheint, unabhängig davon, wie die Wahl ausgeht. Umschreiben ließe es sich als Versuch eines aufgeklärten Kapitalismus, dessen beide Komponenten darin bestünden, dass er mehr Eigenverantwortlichkeit nicht nur erlaubt, sondern fordert, als das in der rheinischen Republik selig der Fall war, grundsätzliche Daseinsfürsorge aber gleichwohl nicht ganz aus dem Programm streichen wollte. [...] In dieser Bewegungsform ist Schröder, nach langem und richtigen Verharren, zuletzt zu einer unglückseligen Symbolgestalt der Berliner Republik geworden. [...]
Karin vs. Doris Unterhaltsamer Artikel von Ulrike Herrmann in der "taz": Egal wer im September die Wahl gewinnt: Im Kanzleramt wird eine Barbiepuppe wohnen. "Mit elegantem Kostüm, hohen Hacken und penibel frisiertem blonden Haar nimmt sie an den wichtigen Terminen ihres Mannes teil. Charmant und ungezwungen plaudert sie ebenso mit einem wartenden Wirtschaftsboss wie mit dem arbeitslosen Familienvater." Über welche Gattin wurde das geschrieben? Es ist nicht zu erraten - und hätte auch auf Hannelore Kohl gepasst.
(K)eine Antwort Danach habe ich ja schon immer gesucht: Nach einer Antwortmaschine. Man fragt irgendwas und bekommt dann immer eine, vielleicht sogar die richtige Antwort. Und das sogar mehrsprachig. Jetzt gefunden: The answer bus , die allwissende Antwortmaschine. Und gleich habe ich die Frage aller Fragen gestellt, die ultimative Sinnfrage. Jetzt bin ich aber verwirrt, ob der Antworten. Demnach scheint das Leben nämlich für einen Englischsprechenden Sinn zu machen, für einen Deutschsprechenden aber keinen Sinn zu haben. Question: Possible answers: 1.Ayn Rand: A Sense of Life -- A Life or Compelling than Fiction Ayn Rand: A Sense of Life Question: Possible answers: Sorry, I found no answer for your question.
Dienstag, Juli 30, 2002
Launischer Beitrag des frisch entlassenen Journalisten Bodo Mrozek in der "taz" zum Thema arbeitslose (Hauptstadt-) Journalisten: Dass die Entlassung von ein paar hundert Journalisten dabei zum generationellen Debakel aufgeblasen wird, war erwartbar. Journalisten schreiben am liebsten über Journalisten, und wenn man sich schon immer selbst als Maßstab aller Dinge genügte, dann muss die Lage der Nation geradezu zwangsläufig vom eigenen Schicksal abhängen.
Besitz Wißt ihr, warum Leute, die etwas besitzen, so unfreundlich sind? fragte ich meine Kinder. Sie schüttelten den Kopf und kneteten das Fünfmarkstück in ihren Fäusten. Weil sie Angst haben etwas zu verlieren. Dabei ist nur der Verlust dessen, das man nicht besitzen, aber lieben kann, der Angst würdig. Sie schauten mich ernst an, und meine Tochter nickte ein bißchen. Ich will Pfannkuchen sagte mein Sohn. [Aus dem Roman "Eden Plaza" von Dagmar Leupold, erscheint am 05/08 bei C.H.Beck.]
Ausstellung Skin: Surface, Substance and design Every object has a skin. Thick or thin, smooth or rough, porous or impermeable, skin is the line between a hidden interior and a visible exterior. Reflecting the convergence of natural and artificial life, "Skin" demonstrates how designers today manipulate the relationship between the inside and outside of objects, garments and buildings to create surfaces that both reveal and conceal: skins that have depth, complexity and their own behaviors and identities. "Skin" shows the breadth of design thinking today, which encompasses the engineering of new structures as well as the fabrication of seductive forms and metaphors," Museum Director Paul Warwick Thompson notes. "The exhibition is smart, sexy and provocative." Montag, Juli 29, 2002
Löbliches Unterfangen Nach einer langen Dürreperiode haben sich zahlreiche Frauen im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh ausgezogen, um ihre Felder nackig zu bestellen. Dadurch hoffen sie, den Regengöttern zu gefallen und ein Paar kräftige Regengüsse zu provozieren, wie es in indischen Zeitungsberichten vom Sonntag hieß. Die derzeitige Dürre in der Region sei die Schlimmste seit 12 Jahren. Ob die Maßnahme Erfolg zeitigte, berichteten die Zeitungen leider nicht.
Glaube, Liebe, Hoffnung Zitate vom Wochenende lch muss auch dafür Sorge tragen, dass meine Gäste keinen verwässerten Wein bekommen, weil es in die Küche regnet. Freitag, Juli 26, 2002
Hüpf Irgendwie sind sie ja niedlich, die Yogischen Flieger: Dauerhafter Friede für den Einzelnen, die Nation und die Völkerfamilie, durch Unbesiegbarkeit für jede Nation. Auch bei der Bundestagswahl treten die Yogischen Flieger resp. das Vedisches Friedenskorps e.V. ja wieder an. Das ist übrigens der wahre Vorteil der Briefwahl, man nimmt sich endlich mal die Zeit auch ganz unten auf die Klopapierrolle zu schielen. Und da stehen dann die Yogischen neben den Grauen und PBC-Fanatikern. Ganz unten halt.
Bäuerchen Ist wohl jedem schon mal passiert, manche sind sogar stolz drauf und machen ganze Wettbewerbe aus dieser Regung des Magens. Oder um es mit Martin Luther zu sagen: Warum rülpset und furzet Ihr nicht? Auf zur Rülpsseite. Donnerstag, Juli 25, 2002
Kumuli oder so Früher, als noch alles gut war und man seine Tage damit verbrachte auf der Wiese zu liegen und an einem Grashalm zu lutschen und in den Himmel zu starren, sah man gerne viele Dinge in den Wolken. Gesichter, Segelschiffe, Zeichen und ferne Länder. Okay, so war das zwar nicht, Wolkenbilder sind aber trotzdem schön.
Saugut Sauguter Satz aus dem sauguten Buch "Das Rachel-Tagebuch" des sauguten englischen Schriftstellers Martin Amis: Wenn man allzu geschickt mit Wörtern umgehen kann, wenn man ein Vokabular hat, das komplexer ist als die Gefühle die man hat, dann gibt es unter anderem das Problem, dass jeder Schwenk in der Konversation, jede Veränderung der Körperhaltung einem eine Vielfalt verbaler Möglichkeiten mit tausend Nebenwegen und Sackgassen eröffnet - und es gibt keinerlei Wegweiser außer der eigenen Aufrichtigkeit und dem guten Geschmack, und von beidem habe ich nie sehr viel besessen.
Was sich aber auch niemals ändern wird: Nach heutigen Gesetzen kriegt ein Kid, das mit einem halben Gramm Marihuana erwischt wird, eine härtere Strafe als ein Unternehmenschef, der Millionen von Investoren stiehlt. Mittwoch, Juli 24, 2002
Die Freuden des Selbstbetrugs Grandiose Euphorie: Vortäuschungen zeigen, im Unterschied zu Erkenntnissen, keine Grenzen auf. Kluger Satz aus dem neuen Roman "Eden Plaza" von Dagmar Leupold, der am 05. August im C.H.Beck-Verlag erscheinen wird.
Spitzen PR-Witz Dass der Satz "Alle Macht geht von der Lobby aus" den in der Präambel des Deutschen Grundgesetzes verankerten Satz "Alle Macht geht vom Volke aus" in D-Land längst ersetzt hat, ist nicht nur seit dem Fall Scharping / Hunzinger auch von schlechten Beobachtern kaum zu übersehen. Zu Bonner Regierungssitz-Zeiten war dies natürlich noch offensichtlicher als im größeren Berlin. Wer damals durch Bonn schlenderte, der erkannte rasch, dass an jedem zweiten Prachtbau ein Messingschild eines Lobbyverbandes hing. Die andere Hälfte der Prachtbauten gehörte dann dem Bund. Und so viel finanzieller Aufwand muss sich ja schließlich rechnen, sonst betreibt ihn ja keiner über Jahrzehnte hinweg. Die deutsche Public-Relations-Branche ist nach der rufschädigenden Affäre um den PR-Unternehmer Moritz Hunzinger und Ex-Verteidigungsminister Rudolf Scharping offenbar jetzt um Schadensbegrenzung bemüht. Wie die Deutsche Public Relations Gesellschaft (DPRG) heute in Bonn mitteilte, soll eine eigens eingesetzte Kommission in den nächsten Monaten Leitlinien für eine klare Trennung zwischen klassischer PR, Lobbytätigkeit und Beziehungsmanagement erarbeiten. [Lieblingswort der Woche: Beziehungsmanagement]
Die drei Ps Ob Fernsehen, Radio, Zeitung oder Internet - wohin man auch schaltet, blättert, navigiert, überall überwältigen einen die Nachrichten von Pleiten, Pech und Pannen.
Rubrik: Zwei Stimmen von außen Das österreichische Massenblatt "Kurier" vermutet am Mittwoch hinter dem israelischen Angriff in Gaza mit mehr als einem Dutzend ziviler Opfer politisches Kalkül: Wenn israelische Minister beteuern, es sei nicht die Absicht gewesen, in diesem "Akt der Selbstverteidigung" Unschuldige zu töten, klingt das zynisch. Wer rund um Mitternacht ohne Vorwarnung Raketen in ein Wohnhaus jagt, nimmt den Tod von Zivilisten in Kauf. Die Aktion hat bewirkt, dass auf der Gegenseite die alte Logik der Gewalt mehrheitsfähig bleibt. Aber womöglich war genau das die Absicht. Der völlig unangemessene Einsatz massiver militärischer Gewalt in dicht bevölkertem Wohngebiet und das Inkaufnehmen eines Blutbades unter unschuldigen Zivilisten machen den Angriff zu einem terroristischen Akt. Und da ihn Scharon als Regierungschef befahl, handelt es sich um einen Akt des Staatsterrorismus. Dienstag, Juli 23, 2002
Gelüge Es gab keine Verpflichtungen. Niemand von uns würde so etwas an solche knüpfen. Dem würde ich die Ohren lang ziehen, wenns so wäre.
Endlich: Geldverdienen Freuen Sie sich: Ab heute dürfen Sie auch wieder für die eigene Tasche Geld verdienen. Der "Steuerzahler-Gedenktag" des laufenden Jahres fällt nach Berechnungen des Bundes der Steuerzahler auf den heutigen Dienstagmorgen. Bis jetzt haben die Bürger nach Berechnungen der Organisation nur für Steuern und Sozialbeiträge - also für das Gemeinwesen - gearbeitet. Erst der Bruttoverdienst des restlichen Jahres kann danach - rein rechnerisch - voll in die eigenen Taschen wandern. Die Steuerzahler-Organisation geht davon aus, dass der Anteil der Einkommensbelastung mit Steuern und Sozialabgaben in diesem Jahr im Schnitt 56 Prozent beträgt. Auf dieser Basis wurde der so genannte Gedenktag ermittelt. Da die Belastungsquote nach Berechnungen des Verbandes vor einem Jahr 54,9 Prozent betrug, fiel der damalige "Gedenktag" auf den 20. Juli.
Endlich: Europameister Freuen Sie sich: Die Deutschen sind Europameister beim Mittagsschläfchen. 22 Prozent der Bundesbürger legen sich mindestens drei Mal pro Woche nachmittags hin. Sie überrunden damit sogar die Italiener (16 Prozent), Briten (15 Prozent), Portugiesen (9 Prozent) und Spanier (8 Prozent), wie eine Umfrage mit insgesamt knapp 19 000 Menschen in den fünf Ländern ergab. Ein Grund könne das frühe Aufstehen der Deutschen sein, vermutet der Schlafforscher Prof. Jürgen Zulley von der Universität Regensburg, der die Studievorstellte. So gehen die Deutschen laut Zulley als erste schlafen (22.47 Uhr) und stehen dann auch als erste wieder auf (6.23 Uhr). Medien-Kontor geht davon aus, dass die übrigen 78 Prozent der Bundesbürger nur deswegen keinen Mittagsschlaf halten, da es den Büroschlaf lästig unterbrechen könnte.
Zwei Stimmen von außen Die britische Wirtschaftszeitung "Financial Times" kommentiert den Wahlkampf in Deutschland: Kein Thema ist so umstritten in Deutschland wie die Reform des Arbeitsmarktes. Dennoch ist die Debatte über den Abbau von fast vier Millionen Arbeitslosen auf allen Seiten von der Weigerung gekennzeichnet, tief verankerte Interessen anzutasten. Die anfängliche Reaktion auf die Hartz- Vorschläge war positiv. Aber jetzt zeigt sich, dass bei vielen die Unterstützung nur halbherzig war. Größere Flexibilität ist in noch vielen Punkten nötig. Dazu gehören Teilzeitarbeit und nationale Tarifverträge. Bisher hat noch keine der großen Parteien diese Herausforderung erkannt. Warum ist die Europäische Union unfähig, sich auf der internationalen Bühne als glaubhafter und leistungsfähiger Gesprächspartner zu zeigen? Gibt es eine Verwünschung, die den wirtschaftlichen Riesen dazu verdammt, der so oft belächelte politische Zwerg zu bleiben...? Montag, Juli 22, 2002
Schönes Wort: Illustriertenliteratur Aus einer Kurzkritik der Anthologie "20 unter 30" in der NZZ : Jung, frisch und knackig - die Marktmetapher trifft es durchaus, und die zwanzig Texte von Juli Zeh und Zoë Jenny, Tobias Hülswitt, Martin Brinkmann und anderen sind vielleicht weniger libertär oder gar gewagt als appetitlich und konsumierbar: eben Illustriertenliteratur.
Glaube, Liebe, Hoffnung Zitate vom Wochenende Zuschauer, die mich nicht mehr sehen wollen, können umschalten, das ist ja das Tolle am Fernsehen. Ich glaube, nirgends funktioniert die Demokratie in Deutschland so gut wie bei der Fernbedienung. Samstag, Juli 20, 2002
About Beth Auf der staubigen Hauptstraße der kleinen Stadt kommt Beth ein drahtiger kleiner Mann entgegen, der sich auf seinen O-Beinen seltsam schwankend fortbewegt. Sein Gesicht ist voller grauer Bartstoppeln. Er trägt eine blaue Matrosen-Helmut-Schmidt-Mütze, eine Art abgeschnittenen Kimono, dazu Hosen, die in besseren Zeiten weiß gewesen sind. Beth stellt sich seinen Körper vor: dünn, grau behaart, knochenhart, die Haut bemalt mit blauen Tätowierungen, mit Paradiesvögeln und nackten Damen, einer Phantasie-Eidechse, die sich schlängelt wenn er den Bizeps anspannt, dem Namen seiner Mutter und ein Herz mit dem Namen eines Mädchens. Eines Mädchen, dass er längst vergessen hat und dessen Namen er schon lange kein Gesicht mehr zu ordnen kann. Einen Moment lang wünscht sich Beth, dass es ihr Name wäre, der dort in einem Herzen auf dem Schulterblatt des fremden Mannes steht. Und dass sie auf diese Weise verewigt sei und auf der Haut und im Mittelpunkt eines Herzens durch fremde Länder getragen wird. Dann ist der kleine Mann an ihr vorbei und der Moment auch. Freitag, Juli 19, 2002
Gerede Gerade in der heutigen Zeit ist eine Verzinsung von drei bis fünf Prozent deutlich besser als minus 90 Prozent. Donnerstag, Juli 18, 2002
The Museum of E-failure This exhibit - Ghost Sites' Museum of E-Failure - is an attempt to actively preserve the home pages of sites that have either died, or will likely disappear in the next few months. Now that the number of dead sites is waning to a mere trickle, this exhibit will soon be shuttered itself, to provide personal closure to the odd period that the world has recently witnessed - the era when the World Wide Webas a rich, quirky, diverse medium capable of supporting a wide and diverse range of electronic life.
Le Amigo Einen tiefen Einblick in sein Rechtsverständnis ließ jetzt Unions-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber zu. In einem Interview mit dem "Le Figaro" lobte Stoiber ausdrücklich den Chef der französischen Notenbank, Jean-Claude Trichet, den Frankreich als Nachfolger von Wim Duisenberg als EZB-Chef vorgeschlagen hat. Wörtlich ließ Stoiber verlauten: "In meinen Augen ist er [Anm. Trichet] der natürliche Nachfolger von Wim Duisenberg". Wenn es Vorhalte gegen Trichet gegeben habe, so seien diese ausgeräumt. Gegen Trichet läuft allerdings derzeit ein Untersuchungsverfahren der französischen Justiz, der Prozessbeginn wird im zweiten Quartal 2003 sein. Trichet wird in seiner früheren Tätigkeit bei der französischen Staatsbank Crédit Lyonnais Bilanzfälschung und gezielte Falschinformation der Finanzmärkte vorgeworfen. So hat es uns erst erstaunt, dass Stoiber Trichet dennoch als "natürlichen Nachfolger" ansieht, bis wir verstanden haben, dass es wohl genau diese Vorwürfe und die dahinter stehende kriminelle Energie sind, die Monsieur Trichet aus Herrn Stoibers Sicht qualifizieren. Amigo-Qualitäten halt.
Eine peinliche Darbietung Hart ins Gericht gehen deutsche und internationale Zeitungen mit der Bundesregierung wegen der Ablösung Ron Sommer als Telekom-Chef. Eine Auswahl: "Bild": Ron Sommer weg! Jetzt macht's ein Rentner. Mittwoch, Juli 17, 2002
Medien-Dämmerung In einem lesenwerten Nachruf auf das leider eingestellte "Jetzt"-Magazin der SZ schreibt Jörg Sundermeier in jungleworld : Das war's dann also für das wunderschöne, alberne, naive jetzt-Magazin. Es verschwindet vom Markt wie vor ihm schon das seriöse, aufwendige FAZ-, das hervorragende Zeit-Magazin, die FAZ-Tiefdruckbeilage mit ihren langen, schwierigen Texten und wie die "Berliner Seiten". Wenn die New Economy die alte Wirtschaft wird, ist's schwer mit dem Anbeten von Sonne und Sternen. Wenn viele, viele keine Arbeit haben, ist nicht mehr gut lustig sein. Wenn das Taschengeld gestrichen wird, rückt das Eis in weite Ferne.
Svinjaca Mit einem schönen Namen kann man ja alles verbessern. Natürlich nicht das Sein, aber zumindest den Schein. Und der gilt ja heute leider mehr als das Sein. Diese Erkenntnis haben sich vor allem die Entsorgungsunternehmen zu eigen gemacht, deren Sprache nur so vor Euphemismen wimmelt, da wird aus einer Müllkippe schnell eine Wertstoffdeponie, aus dem Müllmann der Recyclingberater. Da müssen wir mithalten, dachten sich jetzt die Bewohner der montegrinischen Kleinstadt Kolasin. Durch Kolasin fließt ein kleiner Fluss mit dem Namen Svinjaca, was übersetzt "Schweinefluss" heißt. Das muss nicht sein, das klingt nicht gut, das zieht keine Touristen an, so die Kolasiner. Dabei trägt der Fluss seinen Namen nicht zu unrecht, gilt er doch als schmutzigster Fluss Montenegros, an seinen Ufern türmt sich Abfall und Sperrmüll. Ans Aufräumen und Saubermachen haben die cleveren Montegriner freilich nicht gedacht, sie haben vielmehr ein Preisausschreiben organisiert, mittels dessen man einen neuen Namen für das Flüsschen finden möchte. Und schon ist wieder alles gut. Auch Medien-Kontor hat sich mit einem Vorschlag an dem Ausschreiben beteiligt. Unser Vorschlag lautet: Spree.
T-ötterdämmerung Klar, man könnte sagen, die Ablösung Ron Sommers als Telekom-Chef ist ein ganz normaler Vorgang bei einem Wirtschaftsunternehmen. Der Hauptaktionär ist unzufrieden mit dem Vorstandsvorsitzenden und entlässt ihn daher. Aber üblicherweise sind mit solchen Entlassungen auch Paradigmenwechsel verbunden. Erstens sollte der Austausch des Führungsmannes auch zu einem Wechsel der Konzernstrategie führen - was hier nicht der Fall ist. Zweitens sollte man seinen Chef nur entlassen, wenn man einen charismatischen neuen Chef bereits in der Hinterhand hat - was natürlich auch nicht der Fall ist (lieber installiert man den bereits 72jährigen Sihler als Interims-Erfüllungsbüttel). Was wird am "Fall Sommer" deutlich? Erstens: Dass die Politik einmal mehr nur vom fast schon beliebigen Aktionismus ihrer Akteure bestimmt wird, Ende September ist Wahl, da muss man sich Handlungsfähig zeigen, egal worin, egal ob man was von der Materie versteht, egal ob man die Situation verbessert oder verschlechtert, Hauptsache man hat gehandelt. Schließlich wollen Politiker ja "Macher" sein. Zweitens: Dass die Sorgen der Regierung natürlich nicht einem Unternehmen und deren Beschäftigten gilt, sondern der eigenen Kasse. Die Probleme sind ja nicht die durchaus noch vorhandenen Führungsqualitäten Sommers, sondern die bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) geparkten T-Aktien des Bundes, deren Verkauf der Bund längst beschlossen hat und deren Erlöse zu einem hohem Aktienkurs längst verplant sind. Sommer musste also gehen, da er als Verkäufer weiterer Aktien ausgedient hatte, nicht weil er als Vorstandsvorsitzender versagt hatte. Drittens: Dass der einzige Qualitätsmaßstab der Polit-Akteure nur noch der größt mögliche Dilettantismus zu sein scheint. Bleibt für die Telekom zu hoffen, dass der in einem halben Jahr zu ernennende neue Vorstandsvorsitzende nicht ein abgehalfterter Berliner Parteibuchfritze ist. Wozu das führt, konnte man ja jahrelang bei der Deutschen Bundesbahn bewundern. Dienstag, Juli 16, 2002
Hermann H. Dass der Prophet nix im eigenen Lande gilt, ist ja hinlänglich bekannt. Warum dies so ist, verschließt sich aber häufig. So ein Fall ist auch Hermann Hesse. Der 125. Geburtstag des Literaturnobelpreisträgers von 1946 wird zwar in den deutschsprachigen Feuilletons durchaus erwähnt. Den Eingang in die deutschen Universitäten hat Hesse aber nie geschafft. Es gibt so gut wie keine Seminare oder Vorlesungen an germanistischen Fakultäten über den nach Thomas Mann meist gelesenen deutschsprachigen Autor des 20. Jahrhunderts. Ganz anders sieht es da in den USA aus, so kommt auch die beste Website rund um Hesse von der University of California.
Kanzlergattinprobleme Nach vielen Jahren, in denen ich als Journalistin die Auftritte anderer beurteilt, bewertet und bisweilen scharf gerichtet habe, ist es natürlich hart, wenn man am Mikrofon die eigenen hohen Ansprüche erfüllen muss. Doris Schröder-Köpf zu ihren öffentlichen Auftritten als Kanzlerehefrau im Interview mit der "Frankfurter Rundschau".
Rubrik: Die Stimme von außen Über die EU-Landwirtschaftspolitik schreibt der sozialdemokratisch orientierte "de Volkskrant" (Den Haag): Die Niederlande, Deutschland, Großbritannien und Schweden müssen an ihrer Forderung festhalten, dass vor einer Erweiterung der EU eine Vereinbarung getroffen wird, wie die Landwirtschaft finanzierbar gehalten wird. Eine Verzögerung der Ausbreitung liegt nicht im europäischen Interesse. Aber das gilt genau so wenig für die Belastung der EU mit riesigen Rechnungen, ganz bestimmt nicht im heutigen populistischen Klima, das der europäischen Entwicklung nicht immer wohl gesinnt ist. Das müssen auch Länder wie Frankreich, Irland und die südlichen Mitgliedstaaten begreifen. Montag, Juli 15, 2002
Die tägliche Ausrede Wer kennt das nicht, man ruft gutgelaunt den Hausmeister an, weil keine Glühbirne mehr funzelt und der sagt dann: "Komme gleich" - und Jahre vergehen. Oder der wichtigste Redaktionsserver spinnt, man ruft die Hotline an und hört: "Wir lösen gerade noch ein anderes Problem, sie sind dann das nächste" - und Jahre vergehen. Klar weiß jeder, dass Hotlines und technische Dienste nicht dafür da sind, anderen zu helfen, sondern schlicht weg deswegen existierten, damit sie sich selber verwalten können. Was aber anödet ist neben der Dreistigkeit der Lügen doch die immer gleichen Ausreden, mit denen man abgespeist wird. So wie in Hollywood, wo man nach Vorlage eines Drehbuchs bei einer Produktionsgesellschaft stets zu hören bekommt: "Sehr interessant. Wir melden uns dann bei Ihnen" - und Jahre vergehen. Da man an der Mentalität dieser Dienste ohnehin nix ändern kann, kann man aber doch wenigstens die Qualität der Ausreden steigern, dachte sich jetzt die Informatik-Abteilung der Uni Bremen und hat deswegen den täglichen Ausredenkalender ins Netz gestellt. Wenn User nerven - jeden Tag eine neue Ausrede.
Glaube, Liebe, Hoffnung Zitate vom Wochenende Wenn wir kalte Coca-Cola und Bier in die entlegendesten Regionen Afrikas bringen können, sollte es nicht unmöglich sein, dasselbe mit Medikamenten zu tun. Samstag, Juli 13, 2002
About Beth Kovacevich nickt, dann nickt Beth; und einen Augenblick lang stehen sie da und verschwenden Nickenergie. Dinorah beugt sich zur Seite, um sie zu beobachten. Es wäre so leicht, die beiden auf der Stelle umzubringen, spart die Mühe, sie zu verkuppeln. Beth lehnt sich näher zu Kovacevich, und der tritt vor Schreck einen Schritt zurück, lächelt dann und kommt näher. Dinorah beobachtet sie und lässt Asche auf die Reiseprospekte fallen, die sie auf dem Schoß liegen hat. Die Restglut verbrennt ein Hotel auf Hawaii. Also doch Jamaika? Sie übt Lächeln. Vielleicht sind sie Weihnachten schon verheiratet. Viel länger dürfte ihre Geduld nicht reichen. "Also", sagt Kovacevich, sonst nix; sie stehen einen Augenblick lang da, dann dreht er sich plötzlich um und geht zum Sofa zurück. Dinorah sieht zu, seufzt, schüttelt den Kopf. Sie schaut den Prospekt auf ihrem Schoß an; er ist voller Asche; sie wischt sie auf den Fußboden und starrt sie an. Sie fragt sich, warum sie sich um etwas Sorgen macht, das ihr so wenig bedeutet. Oder doch wieder Mallorca? Freitag, Juli 12, 2002
Bester Phraseologe Wenn es einen Titel des besten Wahlkampfredners gäbe, Bundeskanzler Gerhard Schröder würde ihn gewinnen. Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls eine Analyse der jüngsten Parteitagsreden der fünf Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl, die der Verband der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS) vorstellte. Drei Rhetorik-Experten des Verbandes haben unabhängig voneinander die Reden der Spitzenkandidaten auf den vergangenen Wahlparteitagen unter die Lupe genommen. Die Analysen von Lothar Kolmer, Dariush Barsfeld und Vazrik Bazil kommen dabei zu ähnlichen Ergebnissen: Gerhard Schröder (SPD) brilliert, Edmund Stoiber (CDU/CSU) bleibt hinter seinen Fähigkeiten zurück, Joschka Fischer (Grüne) beeindruckt, Guido Westerwelle (FDP) enttäuscht, und Gabi Zimmer (PDS) macht keine gute Figur. Untersucht wurden dabei allerdings nur die rhetorischen Fähigkeiten der Redner und nicht der Inhalt der Reden. Kriterien für die Auswertung waren unter anderem der Aufbau der Rede, die Verständlichkeit der Sprache sowie Gestik und Kleidung des jeweiligen Redners. "Nur rund 40 Prozent einer Rede vermitteln sich über die Sprache", erklärte von Trotha. "Der Auftritt eines Redners macht dagegen rund 60 Prozent aus." Einen Rückschluss auf die politischen Fähigkeiten der Kandidaten lassen die Ergebnisse der Analysen allerdings nicht zu. "Ein guter Redner muss kein guter Politiker sein", betonte von Trotha. Donnerstag, Juli 11, 2002
Gerede Sie wissen ganz genau, dass ich für Informationen, wie es in den neuen Bundesländern ist, natürlich keine Cousinen brauche. Edmund Stoiber, im zweiten Teil des gemeinsamen "Bild"-Interviews mit Gerhard Schröder auf die Frage, ob ihm der Kanzler etwas voraus habe, weil er Cousinen im Osten Deutschlands habe. * Ich rede nie die Unwahrheit. Gerhard Schröder im gleichen Interview. * Es ist eine Ironie der Geschichte, dass der Kapitalismus seit seinem Sieg zum ersten Mal so funktioniert, wie Marx ihn vorausgesagt hat. Der Soziologie-Professor Oskar Negt am Mittwochabend bei seiner Abschiedsvorlesung an der Universität Hannover. * Das ist schon ganz geschickt von Brüssel gedacht. In der EU sind nur der deutsche Osten und die englische Königin mit ihren großen Ländereien betroffen. Großbauer Edgar Coym aus dem nordbrandenburgischen Dedelow zu den Reformvorschlägen von EU-Agrarkommissar Franz Fischler, die nach Meinung der Bundesregierung zu einer Benachteiligung der ostdeutschen Landwirte führen. Mittwoch, Juli 10, 2002
The Euro-Fuhrer "Ein Volk! Ein Reich! Ein Euro!", ruft Adolf Hitler von einem Balkon herab. "Nein", schreien die versammelten Menschenmassen zurück. Die Euro-Ansprache des als Diktator verkleideten britischen Comedy-Stars Rik Mayall ist Teil eines neuen Kinospots, der im Juli in Großbritannienausgestrahlt werden soll. Das Ganze ist die neueste Aktion der "No Euro"-Kampagne. Die versucht britische Bürger davon zu überzeugen, dass der Beitritt Großbritanniens eine nationale Katastrophe wäre. Wenn nicht sogar mehr.
Nada als Symbol Das US-Mediziner-Fachblatt "Journal of the American Medical Association" ist zum Gedenken an die Opfer der Immunschwächekrankheit Aids mit einem leeren Titelblatt erschienen. Die Ausgabe zur 14. Welt-Aidskonferenz in Barcelona (Bd. 288, Nr. 2) trägt nur das Kürzel "JAMA" der Medizinervereinigung. Der Band versammelt zahlreiche Beiträge über die Forschung zu der tödlichen Immunschwäche. Dieses Cover without Art stehe als Symbol für die mehr als 20 Millionen Toten durch Aids und die anhaltende Suche nach einem Weg, die Krankheit zu stoppen. "Dass dieses sichtbare Zeichen die Leere ist, zeigt, wie viel noch zu tun ist, und dass diese Aufgabe dringender ist als jemals zuvor", schreibt das Magazin im Inneren. Dienstag, Juli 09, 2002
Hey Joe Mit seiner Imitation der Gitarrenlegende Jimi Hendrix hat sich ein Neuseeländer für einen internationalen Wettbewerb der besten Luftgitarristen qualifiziert. Der 28-jährige Toby Peneha werde im August in Finnland gegen andere Liebhaber des Gitarrenspiels ohne Instrument antreten, meldete die neuseeländische Nachrichtenagentur NZPA. Peneha begann demnach mit 14 Jahren, Heavy-Metal-Gitarristen nachzuahmen und unsichtbare Saiten zu schlagen. "Ich hörte Musik und fühlte sie und fing an, meine Finger zu bewegen", sagte der Fabrikarbeiter aus Hastings 260 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Wellington. "Vielleicht bin ich einfach ein geborener Luftgitarrist", sagte Peneha. Zu dem Luftgitarristen-Wettbewerb im finnischen Oulu vom 22. bis 23. August werden auch Teilnehmer aus Australien und Österreich erwartet, wie der Veranstalter auf seiner Website mitteilte. Im Vorfeld soll es ein Trainingslager mit Übungen wie etwa "Wie pflege ich mein Instrument?" geben. Der Gewinner des Festivals bekomme eine elektrische Gitarre - eine echte sogar.
Pleitisten 2002 Januar- Schneider AG März - Philipp Holzmann AG, Wünsche AG, Mühl AG, April - Herlitz AG, Fairchild Dornier, KirchMedia, Sero AG, Broadway Musical Management, Mai - KirchPayTV, Penomedia AG, Gontard & MetallBank, Peguform, Sachsenring AG Juni - CargolifterAG, TaurusHolding, KirchBeteiligungen, Lausitzring GmbH, Photo Porst, Juli - PixelNet AG, Babcock- Borsig AG Ihr Arbeitgeber ist nicht dabei? Sein Sie froh, aber das Jahr ist noch lang, verdammt lang.
Kinder unter sich Schröder: Sie haben ja nun lange genug geredet. Montag, Juli 08, 2002
Stinknormal Hallo. Ja äh gut, wir wissen ja alle, um was es geht. Laborraten, im Tierversuch von kleinen Stromstößen gestresst, trinken doppelte bis dreifache Mengen des angebotenen Alkohols. Wasserbüffel im Vietnamkrieg fraßen während amerikanischer Bombenangriffe riesige Mengen Schlafmohn. Und dauerverletzte Radfahrer, die sich den Saisonhöhepunkt Tour de France im Fernseher der Reha-Klinik ansehen müssen, gehen abends einen draufmachen. Das hat nichts mit Doping, nichts mit Weltuntergang und Lebenskrise zu tun. Das ist stinknormal.
Bild Dir keine Meinung Zitate aus dem ersten "Interview-Duell" zwischen Gerhard Schröder und Edmund Stoiber in der "BILD"-Redaktion: Ich beneide ihn um nichts; denn ich bin zum Neid völlig unfähig.
Glaube, Liebe, Hoffnung Zitate vom Wochenende Ich hatte zu keinem Zeitpunkt eine sexuelle Beziehung zu Herrn Dr. Thomas Borer. Die im "Blick" vom 4.4.2002 zitierten Angaben sind unzutreffend, wonach ich mich heimlich fünf Mal in der Schweizer Botschaft mit Herr Dr. Thomas Borer getroffen und wir dort sexuelle Handlungen ausgeführt haben. Samstag, Juli 06, 2002
About Beth "Oder?" fragt Kovacevich und sieht Beth wieder an, und was sie in seinen Augen sieht, ist das, was er vor sich sieht: er selbst, zehn Meter groß, von Millionen angestarrt, das Objekt der Begierde von Tausenden von Menschen. Das ist sein Traum, aber es steht im Widerspruch zu dem, was er weiß: dass Leute wie sie keine Schwestern in Hollywood haben und Leute wie er keine Filmstars werden. Leute wie wir führen nicht so ein Leben; wir führen ein Leben wie unser jetziges, und wir wären wahrscheinlich besser dran, wenn wir einfach bei diesem Leben blieben, denkt sich Beth. Kovacevich ergründet ihr Gesicht, sie sagt nix und zuckt mit den Achseln. Freitag, Juli 05, 2002
Wer's glaubt Die meisten Männer schauen Frauen als erstes (Achtung, Achtung) - in die Augen. Dies ergab eine am Donnerstag veröffentlichte Forsa-Umfrage im Auftrag der "Bildwoche". Danach gilt der erste Blick bei 38 Prozent der Männer den Augen einer Frau, nur zehn Prozent sehen zuerst auf Busen oder Po, acht Prozent auf die Beine sechs Prozent auf die Haare, vier Prozent auf den Mund und drei Prozent auf Hüfte oder Taille. Umgekehrt ist es fast genauso: 46 Prozent der Frauen erklärten sie schauten beim Mann zuerst auf die Augen. Es folgen Hände (acht Prozent), Po (sieben Prozent), Haare (sechs Prozent), Mund (vier Prozent) und Schultern (zwei Prozent).
Timing Hallo Fans, es gibt gute Nachrichten. Die Reha-Maßnahmen in der Klinik am Tegernsee habe ich erfolgreich abgeschlossen.
Kohl und Konsorten Die Namen des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl und des Schatzmeisters Walther Leisler Kiep, des ehemaligen Innenministers Dr. Kanther, aber auch Dr. Schäuble werden mit illegaler Parteienfinanzierung und Verlust von Glaubwürdigkeit in der Politik verbunden bleiben.
Gauda-Füße Ein Prozess um die Schweißfüße eines 39 Jahre alten Mannes aus Rotterdam ist am Donnerstag in Den Haag mit Verurteilung zu einer Geldbuße von 250 Euro beendet worden. Ein Richter fand den Angeklagten des Hausfriedensbruchs schuldig, weil er sich über das Besuchsverbot der Universitätsbibliothek von Delft hinweggesetzt hatte. Der Rotterdamer war von der Bücherei ausgeschlossen worden, nachdem sich andere Besucher über den heftigen Fußgeruch des Mannes beschwert hatten, der beim Lesen gern die Schuhe auszog. Der Verurteilte hat Berufung angekündigt. Außerdem wolle er in Deutschland um Asyl nachsuchen. Dort sei man hoffentlich weniger pingelig, was den Fußgeruch angehe, sagte er anschließend vor Journalisten. Die Schweißfüße des Mannes hatten international Schlagzeilen gemacht, als er im Hausfriedensbruch-Verfahren den Richter der Befangenheit beschuldigte. Ihn störte, dass ihm der Richter im Prozess verboten hatte, die Schuhe auszuziehen. Dies sei aber kein Zeichen für Befangenheit fand ein dreiköpfiges Berufungsgericht Ende Mai und wies seinen Einspruch ab. Donnerstag, Juli 04, 2002
Rubrik: Die Stimme von außen Zur Drohung der Amerikaner, sich von UN-Friedensmissionen zurück zu ziehen, wenn US-Soldaten bei ihren weltweiten Einsätzen nicht von der Strafgewalt des neuen Internationalen Strafgerichtshofs (ICC) ausgenommen werden, schreibt die "Basler Zeitung": Auf dem Planet der Affen
Vor dem Hund sind alle gleich Wer gebissen wird, dem ist es letztendlich egal, von wem er gebissen wird. [...] Der deutsche Schäferhund kommt gleich nach dem deutschen Wald. Franz Bardenhewer, Vorsitzender Richter des 6. Senats des Bundesverwaltungsgerichts, am Mittwoch bei der Verhandlung über die niedersächsische Kampfhunde-Verordnung.
Out of ICANN Einfache Internet-Nutzer dürfen nicht mehr an der Wahl des Vorstands für das Web-Kontrollgremium ICANN teilnehmen. Die 19 Mitglieder des ICANN-Vorstandes sollen künftig von Regierungs- und Unternehmensvertretern gewählt werden, das beschloss die ICANN-Versammlung einstimmig bei ihrer vierteljährlichen Tagung in Bukarest, außerdem sind Repräsentanten von Technikergruppen und gemeinnützigen Organisationen stimmberechtigt. Die von dem Vorstandsvorsitzenden Stuart Lynn vorgeschlagene Änderung soll ICANN mehr Autorität im Umgang mit nationalen Regierungen verleihen. Bisher konnte sich jeder Internet-Nutzer online an der Vorstandswahl beteiligen. Die Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) wurde 1998 von der US-Regierung eingesetzt. Sie ist für die Vergabe der Top Level Domains (TLD) mit Endungen wie ".de", ".com" oder ".org" zuständig. Mittwoch, Juli 03, 2002
Kontor-Kicker-Preis Lange und kontrovers haben wir in den heiligen Kontor-Hallen darüber diskutiert, welchem Spieler der abgelaufenen Fußball-WM wir den Kontor-Kicker-Preis verleihen. Dieser ist natürlich undotiert, gilt aber in Fachkreisen als der eigentliche Ritterschlag der Fußballaballa-Presse. Nach reiflichem Überlegen fiel unsere Wahl auf den unten abgebildeten Spieler der brasilianischen Mannschaft mit der Trikotnummer 9: Ronaldo. Nicht nur wegen der interessanten Frisur, sondern auch wegen den äähh beiden gewichtigen Argumenten im Finale. Dienstag, Juli 02, 2002
Alles Käse Ein Erzeugnis, dass in einem anderen Staat als demjenigen, der die Eintragung der GUB (Geschützte Ursprungsbezeichnung) beantragt hat, von einem Unternehmen des Herkunftsstaates des GUB-Erzeugnisses in den Verkehr gebracht hat, würde aussehen wie das von der Eintragung gedeckte Erzeugnis, der GUB jedoch nicht entsprechen. Aus einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) in Luxemburg zum EU-weiten Schutz des Parmesan-Käses "Parmigiano Reggiano".
Sex, Gesetze und Familienpolitik Man glaubt es ja erst nicht, aber im Lande der Freiheit und Selbstgerechtigkeit ist halt alles möglich. Oder fast alles, denn Sex außerhalb der Ehe ist im US-Staat Georgia per Gesetz verboten. Trotzdem lebten rund 150.000 Bürger im Jahr 2000 in sog. wilder Ehe zusammen, wie Statistiken belegen. Daher fechten Bürgerrechtsaktivisten nun beim Obersten Gerichtshof des Staates das entsprechende Gesetz an. "Wir hoffen, dass wir mit diesem Fall den Staat Georgia endlich aus unseren Schlafzimmern herausbekommen", erklärte eine Bürgerrechtlerin. Die amerikanische Familienvereinigung (AFA) betrachtet die Anfechtung allerdings als einen Angriff auf die Institution der Ehe. Das Zusammenleben von Unverheirateten sei "ein soziales Experiment mit wenig Geschichte". Aber schon diese kurze Geschichte zeige, dass es zum Scheitern verurteilt sei, sagte ein Sprecher der AFA. Man mag ja jetzt den Kopf schütteln und "Tz, Tz" machen und "diese Amerikaner" sagen, aber auch in hiesigen Gefilden ist ähnliche Argumentation nicht gänzlich unbekannt. So wollte Unions-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber die CDU-Bundestagsabgeordnete Katherina Reiche in sein "Kompetenzteam" berufen. Eigentlich eine geschickte Wahl, denn Frau Reiche ist erst 28 Jahre alt (kommt also gut bei jungen Wählern an), Ostdeutsche (kommt gut bei Ossis an) und bekanntlich eine Frau (kommt gut bei Frauen an). Vorgesehen war sie für das Kompetenzfeld Familienpolitik, Jugend und Senioren. Dagegen intervenierte jetzt allerdings der Chef der bayerischen CSU-Landtagsfraktion, Alois Glück, mit der Begründung, Katharina Reiche könne wohl kaum für die Familienpolitik einstehen, da sie unverheiratet sei und ein uneheliches Kind habe. Montag, Juli 01, 2002
Football is coming home Dass es gestern ein Fußballspiel gab, wissen die meisten oder glauben die meisten zumindest zu wissen. Es gab das Spiel der beiden schlechtesten Nationalmannschaften der Welt. Mmmhh, werden sie sagen, sooo schlecht waren die doch gar nicht. DIE meinen wir aber auch nicht. Gestern gab es nämlich noch die Spitzenpaarung Bhutan vs. Montserrat. In der bhutanischen Hauptstadt Thimphu schlug Bhutan die Mannschaft des Karibikstaates Montserrat vernichtend mit 4:0. Bhutan ist das jüngste Mitglied des Weltverbandes FIFA und wird in der Weltrangliste der Nationalmannschaften auf Platz 202 geführt. Dahinter rangiert nur noch das Team aus Montserrat. Dessen Hoffnungen auf einen Platztausch in der Rangliste durch die hohe Niederlage mal wieder ad acta gelegt wurden. ![]()
Text is coming home Im Schatten der fußballerischen Ereignisse gab es am Wochenende ja auch noch einen anderen Wettbewerb: Das stets von unfreiwilliger Komik geprägte Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis bei den 26. Tagen der deutschsprachigen Literatur zu Klagenfurt. Die Preisträger: Peter Glaser (Ingeborg-Bachmann-Preis) für die "Geschichte von Nichts". Anette Pehnt (Preis der Jury) für den Romanbeginn "Insel Vierunddreißig". Mirko Bonné (Ernst-Willner-Preis) für die Erzählung "Auszeit". Raphael Urweider (3Sat-Preis) für die Erzählung "Steine". Christoph W. Bauer (Kelag-Publikumspreis) für den Textauszug "Auf. Stummen". |