MEDIEN-KONTOR:NOTIZEN  
Gesamtmerkwuerdigkeiten und andere Koinzidenzen
Notizen


Samstag, Mai 31, 2003
Freihändig

An der Hand meiner Mutter ging ich in die Kirche. Als sie tot war, ging ich ohne ihre Hand.
[aus der Kolumne "Post von Wagner" von Franz Josef Wagner in der "BILD"-Zeitung zum Thema Kirchentag]




Freitag, Mai 30, 2003
Fette Welt

Zum Golfprofi hat's ebensowenig gereicht wie zum Tennisstar.
Ich hatte aber auch nicht die Kraft, ein Abteilungsleiter zu werden.
Aber ich kann ja meiner Wege gehen, es mich nie einer daran gehindert.
Es kann heute jeder machen, was er will.
Auf dem Hügel ist es kühl, selbst die Grashalme
belebt von der Grazie
der fetten Welt

juchzen.

Das Fröhliche ist eben sanft erhalten,

es lebe eben das:

her mit den sanften Hügeln
zupf die Blüten aus
mitten im Krieg

aber das wäre ja ein Gedicht.

Heiner Link, 14.03.2000


Heute vor einem Jahr ist Heiner Link tödlich verunglückt. Er fehlt uns.




Nur Selbstreferentiell

Nur denke ich: sie [die deutsche Filmkritik] ist eher selbstreferentiell als selbstreflexiv; sie analysiert zwar das ihr vorgesetzte Angebot auf das Feinste, unterlässt es aber, über den Tellerrand hinaus zu blicken; sie ist eher autoritätsfixiert (wenn auch durchaus innerhalb ihres Horizontes kritisch) als antiautoritär, denn dann müsste sie den institutionell gesetzten Rahmen souverän & nach eigenem Gusto sprengen. Nur so, denke ich, kann man dem Pathos von Journalismus und Kritik gerecht werden. [...] Zu oft habe ich den Eindruck, die angereisten (deutschen) Filmkritiker betrachteten erst einmal sich und ihre reaktiven Befindlichkeiten auf das Spektakel-Ambiente, als sei das von Belang; und dann verstünden sie sich als Rezensenten der Festivaldramaturgie, der sie spekulativ auf ihre Tricks & Finten, Absichten und Ideologien kommen wollen. Was für ein Un- & Schwachsinn!
[Wolfram Schütte im Titel-Magazin in einer Cannes-Nachlese]




Donnerstag, Mai 29, 2003
Zettelkastenmüll

"Aber verstehen Sie doch", sagte er sehr eindringlich, "die größten Verständnisprobleme im textuellen Bereich entstehen immer dann, wenn Worte aus der Alltagssprache auch für die Erlebnisse in der Sphäre des Geistes genützt werden!" "Haben Sie ein Beispiel parat?" fragte sie, ein Gähnen mühsam unterdrückend. "Nah, denken Sie doch mal an das Wort Liebe zum Beispiel", beispielte er mit entschlossener Sanftheit und legte seine Hand auf die ihrige, "da denken Sie in der Alltagssprache an Küssen, Romantik und Glück, in der anderen Sphäre aber an Religion, an erao und philo, an eros und agape. Na, hab ich Recht?" "Nein", entgegnete sie, "in erster Linie denke ich da an Cent-Vingt Jours du Sodome". Langsam nahm er seine Hand weg und nach einigen Anstandsminuten verlangte er die Rechnung.



Mittwoch, Mai 28, 2003
Penny Liner

"Deutsche Profi-Journalisten in Südostasien bearbeiten und formulieren Ihre Rohtexte. Kompetent - individuell - zeilengenau. Und konkurrenzlos billig!" [...] Mehrere zehntausend fest angestellte Mitarbeiter wurden entlassen - und durch Freiberufler oder Medienbüros ersetzt. Deren Tagessätze sind aufgrund der Arbeitsmarktlage deutlich niedriger als noch vor ein paar Jahren. Mit der üblichen Praxis, freie Mitarbeiter zu beschäftigen, hat das wenig zu tun. "Hier verändern sich die Arbeitsbedingungen eines ganzen Berufsstandes, was im Moment vor allem bedeutet: Sie werden schlechter", sagt der renommierte Dortmunder Medienforscher Horst Röper.
[aus einem Bericht in der Zeit über das neue Manchestertum den Strukturwandel in der deutschen Medienbranche.]




Die Akkumulation des (Medien-) Kapitals

"Wir rasseln in eine Situation, die unserer Gesellschaft schaden wird", sagt CNN-Gründer Ted Turner, der sich von seinem Mutterhaus AOL Time Warner zusehends distanziert. "Fünf Konzerne, die kontrollieren, was wir lesen, sehen und hören - das ist ungesund." Frank Rich, Chef-Kulturkritiker der "New York Times", prophezeit eine "Konsolidierung der kulturellen Macht". Sein sonst so regierungstreuer Kollege William Safire erschaudert ebenfalls: Er wähnt "das große Medienfressen".
[aus einem Bericht in Spiegel-Online über die Konzentrationsprozesse in der Medienbranche in den USA]




Dienstag, Mai 27, 2003
Generation Vorgestern

Da rätselt Florian Gerster, als er den Begriff "Webagentur" auf einer PowerPoint-Folie sieht. "Soll das eine Webe-Agentur oder eine Werbe-Agentur sein?" Dann lacht er wieder: "Sie sehen, ich gehöre zu einer anderen Generation". Einen Internetunternehmer fragt er, ob er automatisch Geld bekommt, wenn jemand seine Seite aufruft.
[via Spiegel]





Montag, Mai 26, 2003
Heilsmethodik

Die Methode Bush macht Schule: Erst alles kaputt hauen, dann kann man leichter und besser wiederaufbauen. Das soll als Patent jetzt auch der hinkenden deutschen Wirtschaft auf die Beine helfen.

Deutschland braucht für einen nachhaltigen Aufschwung entweder eine heftige Inflation oder eine ausgewachsene Deflation . [...] Dauerhaft sinkende Preise würden viele Firmen in den Konkurs treiben, weil sie die Schulden nicht mehr bedienen können. Dann könnten im Rahmen von Insolvenzverfahren die Verbindlichkeiten vieler Konzerne gestrichen werden und der Weg in eine schuldenfreie Zukunft wäre frei. Dass gleichzeitig mit dem Weg einer Deflation sich die Arbeitslosigkeit verdoppeln würde, wie der Vermögensverwalter Jens Erhardt anmerkte, störte die Expertenrunde nur am Rande.
[via "Die Welt"]

Ergo: Wenn die eine Hälfte der Firmen pleite geht, geht es der überlebenden Hälfte automatisch besser.




Mister Bosh and Mister Blear

Hier laufen die Dinge besser. Das war zu erwarten, denn in Kirkuk waren die Sieger mehr als willkommen: "Vectory!" steht über dem verbrannten Standbild von Saddam Hussein und weiter: "Thank you Mister Bosh and Mister Blear!" Ein herzlicher Empfang, zweifellos. Die US-Armee hat sich dementsprechend heimisch eingerichtet, vor allem auf dem Ölfeld Baba Gur Gur. Die Soldaten fühlen sich dort so sehr zu Hause, dass sie niemanden einlassen, auch nicht wenn jemand überprüfen möchte, ob die irakische Ölindustrie wieder instand gesetzt wird.
[aus einem Feature in der "Zeit" über den Nicht-Wiederaufbau Iraks]




Dankbare Halbwertzeiten

Vom "Herdenjournalismus" möchte der Kanzler zwar noch nicht sprechen ("Das würde ich auch erst tun, wenn ich das Amt hinter mir hätte"), doch die extreme Schnelllebigkeit des Geschäfts habe auch ihr Gutes: Dank der gesunkenen Halbwertszeiten von Inhalten, so Schröder, könne er sich stets darauf verlassen: "Morgen kommen die schon auf was anderes."
[die "taz" über den Auftritt vom Bundesgerd beim Jahrestreffen der Journalistenvereinigung "Netzwerk Recherche".]




Sorg dich, lebe!

Ich finde, dass man es der Literatur oft anmerkt, gerade in der Lyrik, dass hier nur auf kluge Weise etwas ausgedacht wurde, Stubenkockerlyrik am Rande des Sagbaren, die überhaupt keine Deckung im Leben hat. [...]Stubenhockerliteratur entsteht aus dem Manko, dass Leute jeden Tag produzieren wollen. Und der Computer sagt selbst so jemandem eben ab und zu mal: Sorge dich, lebe!
[Der Schriftsteller Matthias Politycki ("Weiberroman") in einem SZ-Interview]




Samstag, Mai 24, 2003
Oder von mir

Vielleicht ist die Lösung der medialen Krise ganz einfach: Vielleicht sollten die Magazine und Zeitungen dieses Landes mal wieder von Leuten gemacht werden, die etwas zu sagen haben. Von Menschen, die bereit sind, für die Wahrheit ins Gefängnis zu gehen, oder so naiv sind, anzunehmen, die Welt würde ein Stück fairer werden, wenn sie selbst mal ein Staatsoberhaupt aufsuchen. Vielleicht von irgendwelchen lustigen Irren. Vielleicht von mir.
[aus der taz]




Bewusstlosigkeitsbeiträge

Solche Medien, die bei den Benachteiligten als Neidtrieb denunzieren, was sie bei den Bevorteilten als Antriebskraft fürs Überholen-Wollen, für ein weiteres Emporkommen rechtfertigen, tragen zur Bewusstlosigkeit der Gesellschaft bei.
[Günter Gaus bei einer Podiumsdiskussion, abgedruckt in Freitag22]




Monitoranhebbücher Mai

Neue Obsession entwickelt. Einmal im Monat die Bücher, die den TFT-Monitor in rückenfreundliche Augenhöhe hieven, auszutauschen. Mit geschlossenen Augen vor dem Regal stehen, die benötigte Dicke der Bücher ertasten und dann vier Stück zufällig auswählen. Monitoranhebbücher im Mai: Finnegans Wehg von James Joyce, das Telefaxverzeichnis NRW, Stand 1999, ein Klavierauszug vom Parzifal und Die SS, Hitlers Instrument der Macht. Viele Bürostunden über ein geheimes verbindendes Moment der Bücher meditiert. Alle bisherigen Annahmen verworfen.



Freitag, Mai 23, 2003

Attack!
Kunst und Krieg in den Zeiten der Medien
KUNSTHALLE wien halle 1
23. Mai - 21. September 2003

Der Krieg bleibt weiterhin der Vater aller Dinge, auch wenn er sein Erscheinungsbild, seine Methodik, seine Zielsetzungen, seine Bildsprache ständig ändert.





Donnerstag, Mai 22, 2003
An easy kind of a link

"You can make an easy kind of a link that, if you have a protest group protesting a war where the cause that's being fought against is international terrorism, you might have terrorism at that (protest)," said Van Winkle, of the state Justice Department. "You can almost argue that a protest against that is a terrorist act."
[via Oakland Tribune]




Hinternantikriegskunst

Dass "No War" am Arsch ist, ist sicherlich eine der richtigen Folgerungen des Irakkrieges, bzw. der "Battle of Iraq", wie es in der offiziellen Diktion seit einigen Wochen heißt.
Der Schriftzug "No War" prangt jetzt auf der Sitzfläche von 1441 ausrangierten Bundeswehr-Tarnhosen, die von zwei Kölner Künstlerinnen zugunsten der UNO-Flüchtlingshilfe über Junktroop verkauft werden.

Die beiden Künstlerinnen sind entsetzt darüber, dass gut einen Monat nach Kriegsende niemand mehr vom Krieg spricht. Siegl: "Als der Krieg nach ein paar Wochen vorbei war, haben doch alle gedacht, es sei ja noch mal gut gegangen, wir sind mit einem blauen Auge davon gekommen. [...] Um den Appell optisch zu untermalen, bekommt jede Hose deutlich und weiß "No War" aufs Hinterteil gedruckt. Keine wirklich neue Idee, aber "ein schön bedruckter Po, der hat doch was. Wir wollen mit dieser Hose auch provozieren. Wir wollen nicht sagen: No war - am Arsch. So soll das bitte nicht verstanden werden."
Na gut.
[via Spiegel]


Ein schön bedruckter Po, der hat doch was.





War alles in echt

Das Pentagon ist sauer auf die BBC. Geradezu aberwitzig seien die Vorwürfe, man habe die Befreiung der gefangenen Soldatin Jessica Lynch inszeniert, so ein Sprecher. "Ich denke, dieser Vorwurf ist lächerlich", zitiert CNN den Pentagon-Sprecher Bryan Whitman. [...] Für die falschen Informationen bei der Befreiungsgeschichte sind nach seiner Ansicht die Medien verantwortlich.
[via Netzeitung]




Mittwoch, Mai 21, 2003

Photographing Saddam




Quotenfetischismus

Weischenberg [Siegfried Weischenberg, Direktor des Instituts für Journalistik und Kommunikationswissenschaft in Hamburg] konstatiert zum einen eine "extensive Ökonomisierung" im Journalismus. Noch nie wurde auf Medienvertreter so viel Druck vonseiten der Wirtschaft ausgeübt. Logische Konsequenz: "Quotenfetischismus."
Durch die Medienkrise werde die Entwicklung zusätzlich verschärft, bedeute diese doch gleichzeitig eine Arbeitsplatzkrise. Die Lage sei "in Deutschland schlimm wie nie. Der Arbeitsmarkt kollabiert", berichtet Weischenberg. Das mache es für Qualitätsjournalismus schwerer. Besonders durch PR-Journalismus würden Grenzen zwischen unabhängiger und bezahlter Berichterstattung verwischt.

[via Standard]




Kulturschockfolter

Eine besonders perfide Art der Folter nutzen seit kurzem die Helden der amerikanischen Befreier&NeueWeltOrdnungsArmee:

Vernehmungsbeamte des amerikanischen Militärs haben Heavy-Metal-Musik als Folterinstrument entdeckt. Der Onlinedienst "Ananova" berichtet, der Kulturschock, stundenlang Metallica hören zu müssen, solle gefangene Iraker zum Reden bringen. "Diese Menschen haben vorher noch nie Heavy Metal gehört. Das halten sie nicht aus", sagte Sergeant Mark Hadsell dem Magazin "Newsweek".
[via Netzeitung]




Montag, Mai 19, 2003
National Dog Bite Prevention Week

For National Dog Bite Prevention Week, which begins today, local Postal Service spokesman Jim Ahlgren took time to talk about four-legged hazards on the job. Postal workers, Ahlgren said, consider the dog owner's statement, "Don't worry - he won't bite,'' a myth of gigantic proportions.
[via PioneerPress]




(K)ein Missverständnis

Man kann der Fiktion Raum geben und so seine Identität ausbauen. Das schafft Volumen gleichsam im Zustand der Schwerelosigkeit und einer beschränkten Haftung. Wie sich solche Prozesse zur Literatur verhalten, muss von Fall zu Fall bestimmt werden. Das Medium fördert populäre Missverständnisse über Kultur. Vom Gespräch im idealen Salon konnte man ausgeschlossen werden, an den Netz-Debatten darf jeder teilnehmen.
[die FR über eine Lesung von Autoren der Schlechtetextesammlung tage-bau]




Die Reise nach Jerusalem

Dieser Patriotismus, der bereits vor dem 11. September aufkeimte, sei die neue Religion Amerikas und eine Gefahr für die Demokratie. Mailer: "Es ist wie in dem Spiel ‚Die Reise nach Jerusalem', wenn Du keine amerikanische Flagge hast, fliegst Du raus."
[Norman Mailer in einem "aspekte"-Gespräch]




Das Guantanamo-KZ

Die New York Times ist eine Zeitung, die nicht zu Übertreibungen und schon gar nicht zu schiefen historischen Vergleichen neigt. Umso bedeutsamer ist die Wortwahl, der sie sich in einem redaktionellen Kommentar über die Gefangenen aus dem Afghanistan-Krieg auf der amerikanischen Marinebasis Guantanamo bedient: "Das Verteidigungsministerium hält mehr als 600 männliche Gefangene, einige erst 13 Jahre alt, aus 42 Nationen, darunter Bürger unserer engsten Verbündeten, in einem Konzentrationslager fest."
[Bericht bei Berlin-Online]




Entzerrung der Verzerrung?

Medien bleiben zwar ein zentrales Instrument der Kriege, zugleich aber haben wir möglicherweise mit dem amerikanisch geführten Irak-Krieg auch eine Aufkündigung des globalen Medienkontraktes gesehen. Die amerikanischen Medien nahmen etwa eine sehr positiven Wertung des Krieges vor, während die deutschen Medien doch sehr skeptisch auf ihn und die US-Berichterstattung reagiert haben. So haben die amerikanischen Medien im Vorfeld des Kriegs kaum Bilder von irakischen Zivilisten gezeigt, während die Deutschen dies taten. Das ist eine Art Entzerrung der globalen Berichterstattung.
[Jo Groebel, Leiter des European Institute for the Media, in einem telepolis-Gespräch]




Freitag, Mai 16, 2003
Der alte Mann und der Wahn

Stuchklik: Für welche Tätigkeiten haben Sie denn die Gelder bekommen?
Kohl: Damit ich Ihr Gesicht betrachte und das reicht mir.
Stuchklik: Ich darf Sie noch mal fragen: Wofür haben Sie denn die Gelder von Leo Kirch bekommen?
Kohl: Das kann ich Ihnen sagen. Die Gelder sammle ich, um das nötige Geld zu haben, um jetzt eine große Untersuchung anzustellen über die Vaterlandsverräter und Leugner der Deutschen Einheit. Etwa bei bestimmten Machenschaften der ARD.
[Aus der Mitschrift des Interviewversuches des Panorama-Reporters Stephan Stuchklik mit Helmut Kohl]



Medien-Monopol(y)

Unabhängig von einer jeweils politischen Ausrichtung gibt es wohl bei Massenmedien einen ausgeprägten Zwang, unter dem Druck der Quote und der Werbekunden, vorwiegend die gesellschaftliche Mitte zu bedienen. Je größer die Medienkonzentration wird, desto stärker schrumpfen tendenziell die lokale Berichterstattung und die Behandlung marginaler Themen. Mainstream-Meinungen oder -Haltungen werden automatisch verstärkt. Dabei geht es nicht um Manipulation, gezielte Meinungssteuerung oder gar Zensur, sondern die Marktmechanismen selbst stabilisieren und verschieben Meinungen, was wie bei anderen Monopolen dann bedenklich wird, wenn zu wenige Anbieter vorhanden sind, auch wenn es stets kleine Nischen geben wird.
[aus einem Bericht bei telepolis über die Bestrebungen zur Medienkonzentration in den USA]



Im Kriegsfieber

Die Haupt-Informationsquellen für amerikanische Auslands-Nachrichten sind das Pentagon, das Außenministerium und das Weiße Haus. Die Stories, die dabei herauskommen, bilden folglich sowohl die substanziellen Behauptungen als auch die ideologischen Annahmen dieser und anderer Teile der regierenden Klasse Washingtons ab. Obwohl es in den Vereinigten Staaten kaum bemerkt wird, ist die Macht und Allgegenwärtigkeit offizieller Propaganda im politischen Leben Amerikas immens.
[aus einem Essay im Spiegel über die US-Medien im Krieg]




Ätherische Sturmfront

"In diesen Zeiten des permanenten Krieges verbringen wir viel Arbeit damit, die Nachrichten der Mainstream-Medien zu hinterfragen, da viele vom Militär gesponsert werden." Die mehrfach mit journalistischen Preisen ausgezeichnete Inderin [Deepa Fernandes, Anchorfrau und Produzentin der Sendung Free Speech Radio News] greift auf ein weltweites Netz freier Mitarbeiter zurück, die unter anderem auch seit Monaten direkt aus Bagdad berichten - und das weitaus aktueller als viele der "embedded" Kollegen.
[Bericht in der FR über den NYer Radiosender WBAI, der sich ausschließlich durch Hörerspenden finanziert.]




Donnerstag, Mai 15, 2003
The Blair Text Project 2

Blair, sagt Medienkorrespondent Sridhar Pappu vom "New York Observer", war ein typisches Kind eines Konkurrenzsystems, das "der Arroganz einer großen Institution, die unanfechtbar geworden ist", entsprang. "Ein Produkt einer hyper-ambitionierten Generation, die in Journalistenschulen herangezüchtet werden."
[aus einem Spiegel-Beitrag zum Fälschungsskandal bei der NYT]



Kein Kevin

A couple in China have named their baby son Saddam SARS to mark the two important events taking place at the time of his birth, a news report said today.
[via smh]
Der Junge hätte also auch Fußballweltmeisterschaft Creutzfeld-Jakob heißen können, aber das nennt man dann wohl die Gnade der späten Geburt.




Kleingedrucktes

The Israeli military yesterday began obliging foreigners entering the Gaza Strip to sign waivers absolving the army from responsibility if it shoots them. Visitors must also declare that they are not peace activists. The move came hours before an autopsy on James Miller - the British cameraman killed in a Gaza refugee camp - confirmed that he was almost certainly killed by an Israeli soldier, despite the army's assertions to the contrary.
[via Guardian]

Wie wohl dieser Text genau lautet?
Etwa:
Liebe israelischen Soldaten,
wenn Sie im Rahmen einer Befriedungsaktion vorhaben mich zu erschießen, so habe ich nix dagegen.

Herzlichst, Ihr



Inkasso

Die USA wollen Irak seine Schulden in Höhe von bis zu 400 Milliarden US-Dollar (rund 348 Milliarden Euro) nicht erlassen. Dem Land solle eine Frist gesetzt werden, um das Geld zurückzuzahlen, sagte ein Diplomat am Sitz der Vereinten Nationen am Mittwoch in New York.
[via Netzeitung]
Woher die Schulden stammen? Naja, die Anleitungen zum Bau von Giftgasfabriken und die Sattelitenbilder zur Koordination des irakischen Angriffs auf den Iran waren halt teuer.




Mittwoch, Mai 14, 2003
Vermeldungsfähigkeitssteigerung

Marginal vermeldungsfähig ist, wenn ein Dreizehnjähriger einer älteren Dame in der U-Bahn seinen Platz anbietet. Zur Nachricht wird es, wenn er ihr dabei die Handtasche entwendet, zur besseren Nachricht (über Regionalbeilagen hinaus), wenn er sie auf der Flucht als Geisel nimmt.
[aus einem Beitrag der FR über die Rolle der Massenmedien im Irakkrieg]




Borderline-Syndrom

Die journalistische Ethik, sich der Wahrheit so weit wie möglich anzunähern und Fakten mit kritischer Distanz darzustellen, erodiert, nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland. [...] Wer die in der Medienbranche zur Zeit beliebte apokalyptische Attitüde mag, wird das Internet dafür verantwortlich machen, dass zwischen Realität und Fiktion oft kein Unterschied zu erkennen ist. Die bloße Nachricht verliert immer mehr an Wert, da sie in wenigen Stunden rund um den Erball auf unzähligen Websites verbreitet wird. Die meisten Online-Publikationen, auch die seriöser Medien, schreiben ohnehin einen erheblichen Teil ihrer Storys gegenseitig ab, ohne die Quellen zu benennen oder gar zu verlinken.
[aus dem Beitrag Fake-Journalismus bei telepolis]




Dienstag, Mai 13, 2003
Page Lifting

Wenn Zeitungen sich ein neues Gesicht zulegen, stecken dahinter meistens die gleichen Ängste und Unsicherheiten, die eine alternde Frau zum Schönheitschirurgen treiben. [...] Der Bedarf für eine seriöse britische Tageszeitung, die den Mut hat, gegen den Strom zu schwimmen, steigt von Tag zu Tag.
[aus einem Beitrag der FAZ über die Situation auf dem britischen Zeitungsmarkt.]




The Blair Text Project

Als Journalist neigt man ohnehin zum Größenwahn, aber Blair trieb seinen Wahn erstaunlich weit. Er schrieb schnell und er schrieb viel. [...] Die Konkurrenz weiß wieder, was Schadenfreude ist, und kaum einer unterlässt es, das Motto der Times zu zitieren: "Alle Nachrichten, die sich zum Druck eignen."
[Aus einem Beitrag der SZ über die erfundenen Artikel des NYT-Reporters Jayson Blair]




Bias and sensitivity review panels

Da wurde die Fabel von Aesop beanstandet, weil sich die eitle, weibliche Krähe vom gerissenen, männlichen Fuchs beschwatzen ließ, den Käse fallen zu lassen. Eindeutig sexistisch, befand der Prüfungsausschuss, und riet, die Geschlechter der beiden Protagonisten auszutauschen. [...] "Es ist mir wie mit Säure ins Gehirn geätzt", erinnerte sich ein Illustrator, der von einem Schulbuchverlag zehn Seiten eng bedruckter Anweisungen für ein Kinderbuch zugesandt bekam. "Der Held war ein Junge lateinamerikanischer Abstammung. Es gab schwarze Zwillinge, einen Jungen und ein Mädchen; einen übergewichtigen orientalischen Jungen; ein Indianermädchen. Damit blieb die weiße Person übrig. Weil wir die Behinderten nicht vergessen durften, hatte sie einen Geburtsfehler und nur drei Finger an einer Hand. Ein Kind musste einen Irish-Setter haben, der ein Weibchen sein musste. Es musste auch eine ältere Person dabei sein, die ich beim Joggen zeigen musste.
[aus einem Beitrag der SZ über die "Sprachpolizei" (bias and sensitivity review panels) in den USA]









Das weiß jedes Kind

Polen besetzt also den Irak, weil es den Krieg gegen ihn gewonnen hat. Wie allgemein bekannt ist, war der Irak seit Jahrhunderten der größte Feind Polens, hatte es schon immer auf seine Freiheit, auf seine unermeßlichen Reichtümer und seine in der ganzen Welt bekannten strohblonden Frauen abgesehen. Der größte Traum des Iraks (das weiß jedes Kind) war die Zerstörung unserer tausendjährigen Kultur und Zivilisation, die Einverleibung der Ergebnisse unserer fruchtbaren Arbeit, unserer eleganten Autos sowie die Kastration der gesamten männlichen Bevölkerung, um sie in den Harems von Bagdad als Eunuchen zu benutzen.
[Der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk ("Neun", Galizische Geschichten") in einem Beitrag für die FAZ]




… or I gonna shoot you

Das Ringen um die Informationshoheit zwischen Medienunternehmen auf der einen und Regierungsstellen auf der anderen Seite habe eine neue Qualität erreicht. Es sei zwar schwierig zu belegen, aber die Hinweise - nicht zuletzt aufgrund der jüngsten Erfahrungen - verdichteten sich: "Wenn es nötig ist, bringen sie uns um", so BBC-Anchorman Nik Gowing.
Als drastisches Beispiel zeigte Gowing Aufnahmen eines ARD-Teams, das in Afghanistan einer britischen Spezialeinheit über den Weg lief, was letzteren überhaupt nicht zu gefallen schien. Einer der Soldaten erklärte ohne Umschweife: "Put that camera down or I gonna shoot you".

[Beitrag bei Heise über die Folgen des Irak-Kriegs für den Journalismus]




Sonntag, Mai 11, 2003
Wrooommm

Muttertag ist offensichtlich der Tag der Sonntagsfahrer. Bremser und Blockierer überall, die gestern während der Radioschlusskonferenz der Bundesliga ihre hässlichen Vehikel auf Hochglanz poliert haben und heuer zu Mutti fahren und sagen: Schau mal, wie der Kadett glänzen tut, kannst stolz auf mich sein, bin was geworden, hab' ich von Dir!




Industrial Witchcraft HighTech

Hitachi Ltd's new crystal ball-shaped information display device is demonstrated in Tokyo May 8, 2003. The clear acrylic ball, mounted on a built-in personal computer, displays projective images and the embedded sensor allows users to operate software by holding the device in your hands and breathing on it. The company is aiming to market the product within two to three years, they said.
[via Yahoo]











Freitag, Mai 09, 2003
Yeehaaaw

I think George Bush is the most corrupt American president since Harding in the Twenties. […] He is not the legitimate president. […] This really is a completely unsupportable government and I look forward to it being overthrown as much as I looked forward to Saddam Hussein being overthrown.
Der Oberbürgermeister von London, Ken Livingstone ("Red Ken"), über Dubbya Bush. Quelle: BBC




Korrelationen

The United States has a higher prevalence and lower treatment rate of serious mental illness than a number of other developed countries, according to a study published in a special edition on international health care in the May/June issue of the policy journal Health Affairs.
[Bericht in der Science Daily basierend auf einer Studie der Harvard Medical School]




"Kunstform" Borderline-Journalismus

In den postmodernen Spiegelfechtereien gilt: eine Wahrheit ist eine Unwahrheit ist eine Wahrheit; da das keinen so recht stört, muss man lernen zu ermessen, wann eine Lüge eine Lüge, wann sie ein funkelndes Juwel und wann sie ein Verbrechen ist. [...] Es ist eine fremde und spiegelverkehrte Welt: Was der Journalist Glass als Fakten deklarierte, war Fiktion, was "The Fabulist" nun als Fiktion deklariert, sind Fakten.
[aus Looking Glassy bei telepolis]




Mittwoch, Mai 07, 2003
Sicherheitsbewahrerunterstützerbefreierheldentruppen-News

When the college called on the patrolling US forces to help, not only did they refuse, some eyewitnesses allege the troops even encouraged the looters to storm the campus. […]"I saw with my own eyes the Americans signal the people to move in and the looters started clapping," says Mr Khattar. "The Americans waved bye-bye and the looters were clapping. They started looting quickly and when one man came out with an air conditioner an American said to him 'Good, very good'."
[meldet die BBC]








More Duce-News

Silvio Berlusconi kämpft mit harten Bandagen um seine Macht. Weil ihm eine Verurteilung wegen Bestechlichkeit droht, will er sich per Gesetz Immunität verschaffen. Ein solcher Beschluss würde der korrupten politischen Klasse Italiens Tür und Tor öffnen.
[Bericht im Manager-Magazin]




Dienstag, Mai 06, 2003
Duce-News

Mein Verhalten war beispielhaft, ich bin darüber stolz
Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi vor Gericht im SME-Prozess.

Du wirst wie Ceausescu enden. Das Gesetz gilt für dich wie für alle anderen Italiener.
Unbekannter italienischer Prozessbesucher, der daraufhin verhaftet wurde.
[mehr in Der Standard]




Die "eigentliche Erkenntnis"

Wir dürfen also gespannt sein, was sich der würdige Nachfolger des Gefreiten Hitler und des Proleten Stalin für seinen nächsten Wahlkampf ausdenken wird. Hitler hatte seine Leni, Stalin seine Paraden und Bush hat Fox, einen Fernsehsender, der unter Journalismus die Fortsetzung des Krieges mit allen Mitteln versteht.
Journalisten sind potenzielle Mörder: das ist die eigentliche Erkenntnis des Irakkrieges. Statt den Wehrdienst, sollten Pazifisten heutzutage eine Journalistenausbildung verweigern, zumindest in den USA, falls sie keine gläubigen Christen sind, die sich im Namen des Herrn in die Kriegsmaschinerie einbetten lassen.

[aus juh's Sudelbuch]



Montag, Mai 05, 2003
Vorbeugendes Abhören

In der nächsten Woche bringt die CSU im Landtag ein Gesetz ein, wonach Telefone und Handys künftig nicht nur zur Verfolgung von Straftaten überwacht werden dürfen, sondern auch schon vorbeugend, also zur Abwehr von Gefahren. Nach dem Gesetzentwurf darf die Polizei die Kommunikationsverbindungen all der Personen abhören, die nach der Strafprozessordnung durch ein Zeugnisverweigerungsrecht geschützt sind: In Bayern sollen also völlig unverdächtige Anwälte, Ärzte, Pfarrer, Drogenberater und Journalisten künftig vorbeugend abgehört werden. Sie alle müssen damit rechnen, dass die Polizei mithört, wenn sie mit ihren Problemfällen Kontakt aufnehmen. Das Zeugnisverweigerungsrecht wäre damit ausgehebelt.
[Bericht in der SZ]




Großmacht Polen

Polen sei der "beste Freund" Amerikas, hat Dubbya Bush kürzlich erklärt. Besonders seit dem Polen amerikanische Militärflugzeuge für rund 4 Milliarden Dollar bestellt hat. Und jetzt ist Polen sogar Großmacht: Ein eigener Sektor in Irak. Wow. Freilich hat Polen nicht das Geld, um die benötigten 10.000 Soldaten und das entsprechende Gerät vor Ort zu bezahlen. Dann müssen also die USA die polnischen Soldaten bezahlen? Dann wären die polnischen Soldaten lediglich Söldner und nicht mehr siegreiche Helden der siegreichen Großmacht Polens. Vielleicht plant Polen ja aber auch, die Kosten für das Unternehmen Großmacht über den irakischen Markt für Gebrauchtwagen wieder einzuspielen.

Die taz zu diesem Thema:
Ein Land, das Großmacht von Amerikas Gnaden spielt und seine eigene Rolle in der Welt dermaßen überschätzt, kann kaum darauf zählen, in der Europäischen Union ernst genommen zu werden. Es macht sich eher suspekt. Einem solchen Land wird das Vertrauen entzogen. Damit aber wäre Polen einmal mehr auf der Verliererseite.





Samstag, Mai 03, 2003
Tag der Pressefreiheit


Unterstützen kann man die Arbeit von Reporter Ohne Grenzen, in dem man den jährlichen Fotoband (Fotos für die Pressefreiheit) kauft. Der diesjährige Band heißt Willkommen im Wunderland - Die Utopie des Zuhauses, beinhaltet Fotos von neun jungen Fotografinnen und Fotografen und kostet 12 Euro. In der internationalen Reihe von Reporter sans frontières gibt es darüber hinaus auch einen neuen zweisprachigen (französisch-englischen) Band: Fotos von Philip Plisson.



Freitag, Mai 02, 2003
Dubbya-News

Beste Verschwörungstheorie des Monats: Bush Plane Crashes.




Noch mehr Kartentricks

Many of those featured on the "55 most wanted" cards are in government, and removing these people from power would go a long way towards making the world a safer place.






Unordnung

Überzeugen seine Gedichte durch ihren freien strömenden Rhythmus, hat seine mutige, rückhaltlos offene und repetitiv-hypnotische Prosa schon so manchen Skandal erregt Aus dem reichhaltigen Rumsfeldschen Werk, dessen Fülle einen Vergleich mit Balzac geradezu herausfordert, haben nun Analysten von The Nation ("Rumsfelds Untidy World") das Schlüsselwort des umtriebigen Polit-Dichters herausgefiltert. Es ist ein Wort, welches auch Tiefenpsychologen auf den Plan rufen wird. Ein Wort, das in rätselhafter Verbindung mit frühkindlichen Ängsten, pubertären Stürmen ("Unordnung und frühes Leid") und der Müdigkeit (oder dem Putzfimmel) des Alters steht. It's untidy.
[aus einer Glosse bei Heise über das Lieblingswort Donald Rumsfeld]



Bangzoomtv


Hercubush (Quicktime 6 Video 8.8 MB)






Donnerstag, Mai 01, 2003
Tag der Arbeit