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Notizen |
Montag, Juni 30, 2003
Occhhh Täglich lesen wir in der Zeitung über Personalabbau, Kündigungen oder Outplacement, wie es jetzt neudeutsch heißt. Für diejenigen, die die Kündigung aussprechen müssen, bedeutet ein solches Gespräch Überforderung und Stress. Gesundheitliche Folgen wie Schlafstörungen und die Angst vor unkalkulierbaren Reaktionen des gekündigten Mitarbeiters sind bei den Personalverantwortlichen häufig zu beobachten. [aus dem Angebot des Bildungsverein, Soziales Lernen und Kommunikation, aus Hannover] Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger zahlen für diesen Kurs übrigens nur die Hälfte und können dann auch wieder besser schlafen, wenn sie jemanden entlassen müssen. [via telepolis]
Comical Ali I've been offered a job as editor of The New York Times from: Top Ten Things The Iraqi Information Minister Has Admitted Since Being Captured.
Rubrik: Schwule Autos Dass der Mazda MX5 und der VW Beetle bei der Wahl des ultimate gay and lesbian Car gute Chancen auf den Titel hatten, verwundert ja nicht. Ein bißßerl verwundert bin ich aber, dass der Audi TT nicht in dieser Liste auftaucht. Und sehr stark verwundert bin ich darüber, dass der Sieger heißt: VW Jetta.
G. Walker B. President Pinocchio Real Love Never Die The 43rd President of the United States never lie. Gemeinsamkeiten von Claudia Strunz und Georg W. Bush: Wiglaf Droste im Vorwort des zweiten Bandes Bushisms bei Junge Welt. Samstag, Juni 28, 2003
Zettelkastenentrümpelung Er drückte aufs Gas und die lange Schnauze des XJ6 hob sich. Wie meist schwiegen wir einfach. Eigentlich war ja auch alles gesagt, seit Jahren schon, manches war auch schon zu oft gesagt worden. Als die am Wegerand stehenden Häuser langsam dünner gesät waren, warf er mir einen kurzen seltsam leeren Blick zu, dann hatten wir die Stadt endlich verlassen und er drückte auf den Playknopf des CD-Players. Oh, das kenne ich, dachte ich und sagte: „Autumn leaves“. „Das ist ja auch einfach“, grantelte er, „aber wer spielt“? Ich hörte genauer hin, kam mir bekannt vor, Standardbesetzung mit Slapbass, Besen und Klavier. „Fred Hunt Trio“, fragte ich und er: „Quatsch, aber von dem stammt immerhin das Arrangement“. Immerhin, dachte ich und hörte weiter. Ja das kam mir sehr bekannt vor. Die doppelten Synkopierungen an den scheinbar falschen Stellen, die das Thema immer wieder von der Begleitung wegzuzerren und wieder hinzuführen schienen. „Das bist ja du“, sagte ich schließlich. „Ja, und woran erkannt?“ „An der Synkopierung, am Anschlag und am Verzicht auf den Affekt in der Wiederholung“, sagte ich, aber er antwortete nix. Der Verzicht auf den Affekt in der Parallelstelle sei manchmal der doppelte Affekt, hatte er früher gerne doziert. So würde der erste und eigentlich Affekt gedoppelt, ohne noch einmal genannt und dadurch abgenutzt zu werden. „Ich wußte gar nicht, dass du wieder auftrittst“, sagte ich, aber er grantelte nur, „tue ich ja auch nicht, ist von früher“. Dann fuhren und schwiegen wir wieder. Es folgten noch „Lost Mind“ und „That Old Feeling“. Irgendwann später drückte ich dann auf Repeat. Er drückte aufs Gas und die lange Schnauze des XJ6 hob sich. Wie meist schwiegen wir einfach.
Darfs eventuell ein bißßerl mehr sein? Das Internet hat auch den Heiratsmarkt revolutioniert. Wer sich auf den Webseiten einer Partneragentur für eine „Dame“ entschieden hat, klickt auf den Button „Bestellung“ und legt die Frau in den „Warenkorb“. [aus dem SZ-Magazin] Fehlt noch der Hinweis: Täglich von 19 bis 20 Uhr Happy Hour. Zwei Damen nehmen, nur für eine zahlen. (Nur solange Vorrat reicht) Freitag, Juni 27, 2003
Borderlineautobiographie: Nirgendwo in Afrika Autobiographien sind sicherlich nicht die besten, aber die phantasievollsten Romane. Allen voran Albert Speers lustiges Fabulierstück „Erinnerungen“. Kein Grund also sich aufzuregen, wenn eine völlig unbekannte Journalistin namens Ulla Ackermann eine „Mitten in Afrika“ betitelte Autobiographie vorlegt, wo sie ihren wohl lediglich touristisch motivierten Kenia-Besuch zu einem heldenhaften Einsatz als Kriegsreporterin ausdeutet. Sie hätte wohl nur nicht so dick auftragen müssen. Das weltweit einzige Interview mit dem inhaftierten Nelson Mandela etwa. Oder die Zusammentreffen mit Osama bin Laden.[mehr im Spiegel]
Ahndung ist ja auch so ein Wort. Bei Herrn Goethe oft zu lesen. Transe zwischen Ahnung und Kuhdung. Aber viel mehr hat man ja eh nicht im Kopf. Donnerstag, Juni 26, 2003
Icke, imma dicke Gäbe es einen Preis für die katastrophalste Kulturpolitik, Berlin hätte ihn verdient. Zwar ist die Lage so dramatisch, dass niemand hier Wunder vollbringen kann. Aber das Wunder ist, dass es den Berliner Finanz- und Kulturpolitikern immer wieder gelingt, die Situation noch aussichtsloser zu machen. [aus der FR] In Köln werden mindestens zwei Spielstätten zugesperrt, in Berlin hat Finanzsenator Sarrazin unlängst laut darüber nachgedacht, das Berliner Ensemble und die Schaubühne auf die Abschussliste zu setzen. Dass seine Wahl gerade auf diese beiden Bühnen fiel, liegt schlicht daran, dass man sich ihrer als Privattheater bequemer entledigen kann als eines städtischen oder staatlichen Betriebes. [aus der SZ] Der Vorgang der Schließung des Schiller Theaters ist außergewöhnlich gut dokumentiert, und die Überlieferung zeichnet ein Bild von der Kompetenz der damals agierenden Berliner Lokalpolitiker, bei dem sich einem noch heute die Zehennägel aufrollen. [...] Hinter dem Schließungsbeschluss steckte kein politisches Konzept, nicht einmal künstlerische Weitsicht, nur die Ratlosigkeit einer Runde von Provinzpolitikern bei Kaffee und Schnittchen, die vor ihren Aktenbergen in Entscheidungsnot geraten waren. Man musste etwas tun. Dass es das Schiller Theater traf, war eher Zufall. [...] So traf politische Inkompetenz, die sich in den Zeiten des Wohlstands hatte verschleiern lassen, auf die Empfindlichkeiten eines Künstlerstandes, der sich mit seinem eigenen Fehlverhalten auch nur sehr ungern auseinander setzte und deshalb umso lauter schrie. [aus der ZEIT] Einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zufolge hat sich das Wirtschaftsleben in deutschen Großstädten merklich verbessert. Nur in der Hauptstadt nicht. [meldet der Spiegel]
I’m not a terrorist "I do not belong to the Baader-Meinhof Group." Thousands of young Germans put these stickers on their cars in the early 1970s in an effort to dissuade overeager police from pulling them over. The stickers were as much a political statement as a practical one; they told the conservative German population that despite being young and having long hair, not everyone was in the Baader-Meinhof Gang. Baader-Meinhof-Store
A Date 11:00 AM PDT: Your blog is currently being converted to a new-and-improved version of Blogger. Please bear with us. It should be back in a couple hours. Okay, lass uns Bier trinken gehen. Mittwoch, Juni 25, 2003
Tautologische Verpuffung Das System des Differenzkapitalismus hat nicht nur die popkulturell basierten Abgrenzungskonzepte assimiliert, sondern verdrängt und kolonisiert die Sphäre intellektueller Kritik, indem es eine systemimmanente, gleichsam tautologisch verpuffende Form der Dissidenz erzeugt. [aus der taz, die wiederum aus einer Reklam-Neuerscheinung von Uwe Schütte über Pop-Literatur ("Soloalbum") zitiert.]
Provozierte Assoziationskette Wenn es in Deutschland einen Skandal gibt, dann ist es nicht einer, den Friedman verursacht hat, sondern Justiz und Medien. [...] Die Justiz, die den Rechtsstaat gewährleisten sollte, stellt jemanden an den Pranger, weil dieser angeblich bei irgendwelchen Prostituierten war, und verhält sich dabei ärger als jede Hure, indem sie ihre angeblichen Ermittlungsergebnisse frei Haus in fast jede Redaktion liefert. [...] Und die Medien deren Kontrollfunktion als vierte Gewalt im Rechtsstaat überaus notwendig wäre begeilen sich an angeblichen Fakten, die vielleicht gar keine sind, und wälzen diese solange aus, bis aus Michel Friedman, dem angeblich gelegentlichen Kokainkonsumenten und vorgeblichen Freier von ukrainischen Prostituierten, ein - natürlich zufällig jüdisches - Monster geworden ist, das, und so läuft bekanntlich die gewünschte öffentliche Assoziationskette, in illegalen Menschenhandel verwickelt ist. So bestätigen es ja auch schon die Umfragen, die allen Ernstes zu diesem Fall eingeholt werden: Friedman soll zurücktreten, vom Bildschirm verschwinden, und am besten wäre es, würde er auch gleich das Land verlassen, er, der sich des deutschen Philosemitismus als so unwürdig erwiesen hat. [...] Jetzt erst wissen wir's: Es ist die Zuneigung der deutschen Journalisten, ein Akt der Caritas, der sie zur öffentlichen Hinrichtung des Vizepräsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland motiviert. Durch Strafe wollen sie ihn läutern, damit der Jude Friedman ihrer Liebe wieder würdig wird. [aus einem Beitrag im Standard] Dienstag, Juni 24, 2003
Es folgt ein anonymer Beitrag Anonymität gehört dazu: Natürlich verbergen sich alle Teilnehmer unter Pseudonymen. Eine Garantie über die Richtigkeit der gelesenen Angaben kann also niemand geben. [das ZDF erklärt, was das denn ist, so ein weblog.]
Von Muwi zu Nana Selbst in München begegnet man einstigen Mittelalterforschern, die sich nun mit Filmmusik beschäftigen. Das ist beinahe so, als würden sich griechische Altphilologen mit Texten von Nana Mouskouri herumschlagen, um einer breiten Öffentlichkeit und den Entscheidungsträgern in Verwaltung und Politik die zeitgemäße Bedeutung ihres Faches zu beweisen. [aus einem Beitrag in der SZ über den Niedergang der Musikwissenschaften an den deutschen Unis] Montag, Juni 23, 2003
Generation Neongolf Gerade das neue NEON durchgeblättert. Nicht ganz Fisch, nicht ganz Fleisch, das ganze. Ein bißßerl zu Generation-Golf-mäßig. Und, klar, der unvermeidliche Florian Illies (Gilt als Hoffnungsträger des deutschen Journalismus) ist auch prompt auf Platz fünf der Liste Die hundert wichtigsten jungen Deutschen. Die wichtigsten, gar die allerwichtigsten. Immerhin kann man dieser wichtigen Liste entnehmen, dass der wichtige Fußballa Ballack (Platz 14) der schlechteste wichtige Skatspieler der wichtigen deutschen Nationalmannschaft ist. Ansonsten die üblichen wichtigen Verdächtigen: MTViva-Moderatoren, Popliteraten, die Alibi-Jungen der Parteien usw. , ach ja, und Rolex-Ralle, der kleine Schumi (Platz 100). Viel Werbung im Heft, wahrscheinlich das Gefühl der Agenturen: Ist hipp, wird einmalig bleiben und wir waren dabei - cool. Kurz noch in einen Text namens "Beethoven" reingelesen: Wenn Sex Musik wäre, wäre dieser Junge verdammt noch mal Beethoven. Nur, dass Beethoven die neunte Sinfonie wahrscheinlich nicht mit der Zunge geschrieben hat. Nein, hat er nicht. Aber die Frau Bäuerlein, die diesen Mist verzapft, hat diesen Text wohl mit der Nasenspitze getippt und da gehen schon mal die Tasten ins Auge. Danach keine Lust mehr gehabt. Bin ja aber auch schon jenseits der Zielgruppe. Beim Kauf kurz an die Erstaugabe der Infoillustrierten "Focus" gedacht, in der als FaktFaktFakt präsentiert wurde, dass der nächste Bundespräsident Hans-Dietrich Genscher heißen würde. Naja, kann ja noch werden. Das auch.
Popkulturelles Lumpenproletariat Modern Talking machten Musik für alle die, die eigentlich keine Musik hören - und Thomas Anders wurde mit seinem Goldschmuck, den Trainingsanzügen und der immer etwas künstlich wirkenden Gesichtsbräune zum Prototyp eines neuen provinziellen Spießertums, das sich nicht mehr in Vorgärten, auf Kegelbahnen oder in Vereinsheimen, sondern in Sonnenstudios, Fitnesscentern und Großraumdiskos zu Hause fühlt. [die taz über das "Common-Sense-Phänomen" Modern Talking] Sonntag, Juni 22, 2003
Die Liebe zum großen Ganzen Fast immer hatte es mit einer Premiere zu tun: erste Fahrversuche auf Feldwegen, zwischen dem Gepäck eingepfercht ohne Eltern in den Urlaub zuckeln, Küsse und Schläge im Autokino, Dramen beim TÜV oder in der Werkstatt. Bis hin zu etwas, das mit Liebe, vor allem aber mit Liegesitzbeschlägen zu tun hatte. [...] Mit der Última Édicion, aufgewertet nicht nur durch Sonderlack, sondern ein so rührendes Detail wie Weißwandreifen, verabschiedet man sich nach 22 Millionen Exemplaren von einer Ansammlung konstruktiver Irrtümer, die erklärt, warum sich die Liebe zum großen Ganzen nur durch das Interesse am unvollkommenen Detail erklärt. [Aus einem Nachruf in der FR zur endgültigen Produktionseinstellung des VW Käfers]
Goethe ist Pop - Deutsch ist Sex Liebe Freunde des schönen Wortes, des großen Gedankens, des Äugelns mit der Natur; Freunde der lieblichen Feder Fluß und Geister der Form: Ihr seid aufgerufen, Eure Werke einzusenden. Erlaubt ist, was gefällt! Nur soll es Reimform haben, klingen, in den Ohren und den Herzen widerhallen. Laut oder leis´, böse oder friedvoll, gewaltig oder stille - das steht Euch anheim. Schnell und wild, sanft und lämmergleich; trocken, spröde, kantig, ehern, liebestrunken oder toll, lustig, frevelhaft und frech - herbei die Zeilen alle! Der Verband der deutschen Sprache ruft unter dem Titel "Deutschland sucht den Superdichter" auf zu einem Dichterwettstreit] In seinem Bemühen, der Jugend ein "stabiles sprachliches Umfeld" zu sichern, den Jugendlichen zu zeigen, was für eine echt starke Sprache das doch ist, hey, Goethe ist Pop, Deutsch ist Sex, hat sich der Verein nun einen neuen Coup einfallen lassen, mit dem er die Literatur endgültig fit macht fürs neue Jahrtausend. [...] Diese aufgesexte Veranstaltung wird ganz bestimmt ein Hochlicht im Eventskranz der Kultur und ein Riesenschlag gegen die Übermacht des Fernsehens. Der Verein Deutsche Sprache aber, soviel sei sprachbewusst erlaubt, saugt. Denn was ist besser, Mutter Beimer oder ein Trashgedicht aus Weimar? [aus der SZ]
Sprachpanscherkandidaten 2003 Bayerischer Turnverband: Nominiert für ropeskipping (Seilhüpfen), Gymmotion (Turnfest) und yourbody-congress (Sport- und Gesundheitstage). Gerhard Mayer-Vorfelder, DFB-Hansel: Verantwortlich für das DFB-Magazin Fan Corner, in dem es home & away shirts, -shorts und -socks, reversible tops, team bags, gym bags und fun bags zu kaufen gibt. (Wobei der schöne Satz: A nice set of fun bags ja im Englischen ohnehin eine ganz andere Bedeutung hat). Dr. Peter Hartz, Arbeitsmarktreformchefkommissionär: Schickt die Deutschen ins job center zum case management inklusive bridging mit key account nach master plan. Die Bezirksbürgermeisterin von Charlottenburg-Wilmersdorf, Monika Thiemen: Sie betreibt Inhouse-Schulung für feasibility studies und gender budgeting in der private-public-partnership. Die deutsche Kultusministerkonferenz:. Hat die im Ausland belächelten Bachelor- und Master-Abschlüsse eingebracht, die Neue Rechtschreibung, PISA, Englisch ab der dritten Volksschulklasse und den girls' day. [via Verein deutscher Sprache] Samstag, Juni 21, 2003
Mediale Jubelperser Countdowns zählten ungeduldig die Tage bis Kriegsbeginn (n-tv), Web-Cams brachten Fernsehzuschauern den nächtlichen Bombenhimmel von Bagdad live ins Wohnzimmer und mit aufwändigen Computeranimationen und detailverliebten Info-Grafiken - "Was Waffen kosten - Amerikas Arsenal" (Stern) - waren auch deutsche Vor-Kriegsberichte zeitweilig mehr kriegsfixiert denn friedensorientiert. [...] "Wer behauptet, Kriegsberichterstattung sei seit jeher ein hassorientierter Gewaltjournalismus, hat in den letzten Wochen keine deutschen Zeitungen gelesen", verteidigt Kai Diekmann, Chefredakteur und Herausgeber von Bild, die deutsche Presse. "Alle Printmedien haben weitgehend sehr sachlich berichtet, die Hintergründe beleuchtet, das Für und Wider erörtert und auch den Opfern viel Raum gegeben", so Diekmann. Doch gerade Deutschlands auflagenstärkste Tageszeitung verkündete nach Kriegsende stolz: "Sieg. Saddam geschlagen! Jubel in Bagdad". Darunter abgebildet: ein Soldat im Großformat mit der Unterzeile "Ja! Ein US-Soldat reißt auf seinem Panzer triumphierend die Arme hoch, schreit seine Erleichterung über das Ende des Kampfes heraus". [aus "Die medialen Cheerleader" in Freitag 26]
Alles nur eine Frage der Zeit Das müssen unsere Zivilgesellschaften mehr und mehr zur Kenntnis nehmen - dass die Leute/das Volk (people) konsequent ignoriert werden. Es herrscht die Vorstellung, dass man sie endlos manipulieren kann bzw. dass sie, wenn man sie nur lang genug ignoriert, ihre Anliegen fallen lassen. Die Medienkonzerne halten die Neuigkeiten eher von den Menschen fern, als dass sie sie liefern. Und man hofft, dass die Wochenend-Demonstranten sich irgend welchen anderen Themen zuwenden, alles nur eine Frage der Zeit. Es gibt also eine Art Verachtung der öffentlichen Meinung und des öffentlichen Gedächtnisses. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy in einem Interview mit dem Standard]
Lo-Fi-Boheme Auf wundersame Weise schlagen wir uns seit vielen Jahren als Freelance-Proletarier irgendwie durchs Leben und gehören nun einer Art niedrigschwelliger, leicht verarmter Großstadtboheme an. Die Old und New Economy, die Erlebnis- und Dienstleistungsgesellschaft ging irgendwie an uns vorüber, die Ich-AG ist für uns ein alter Hut. Wir beklagen uns manchmal, wollen aber eigentlich nicht anders leben. [aus der taz] Freitag, Juni 20, 2003
Standardprozedur Die US-Luftwaffe wird zwei Piloten, die im vergangenen Jahr in Afghanistan bei einem versehentlichen Bombenangriff vier kanadische Soldaten getötet hatten, nicht vor ein Kriegsgericht stellen. [...] Die beiden beschuldigten Piloten Harry Schmidt und Walter Umbach geben an, unter dem Einfluss von Amphetaminen ("Speed") gestanden zu sein. [...] Laut dem US-Frernsehsender ABC ist der Einsatz von Amphetaminen bei Kampfjetpiloten eine "Standardprozedur" der US-Luftwaffe, um aufkommende Müdigkeit der Piloten auf langen Missionen zu unterdrücken. [via Standard] Donnerstag, Juni 19, 2003
So sweet Sars is sooooooooooo sweet that I want to crap my pants. I can't believe it sometimes, but I feel it inside my heart. This virus is totally awesome and that's a fact. Sars is fast, smooth, cool, strong, powerful, and sweet. I can't wait to start yoga next year. I love sars with all of my body (including my pee pee).[from The Official SARS Webpage, via Sars Art Project] Mittwoch, Juni 18, 2003
Musikantenstadl TV-Politikmagazine Warum ist man auf den Hund gekommen ? Gibt es schlicht nichts mehr, was aufzudecken wäre ? Wohl kaum. Kirch, Kohl, Möllemann - es gäbe viel zu tun. Oder hat nur das Personal abgebaut ? Karrieristen statt Journalisten ohne Sinn für die eigene Aufgabe ? Auf jeden Fall hat sich das Ziel des einst investigativen Journalismus gewandelt. Es heißt heute nicht mehr Aufklärung, sondern Quote. [...] Der neue Populismus verdrängt die zur echten Kritik nötige Gesinnung. Denn der Populismus fordert seine eigenen Themen. Stand im Mittelpunkt der öffentlichen Kritik früher der Politiker, der den Staat missbrauchte, so heute offenbar ein Staat, der von morgens bis abends seine Bürger belügt und betrügt. In den Augen der Boulevard-Kritik scheint die Frage nach der richtigen Politik nur noch auf diejenige nach dem Wohlbefinden des homo oeconomicus geschrumpft zu sein. [...] Vielleicht ist es ja ganz gut, dass die Betroffenheitsmasche, wie sie einst im roten Wollpullover von Klaus Bednarz ihren höchsten, textilen Ausdruck fand, passé ist. Aber dafür überhaupt auf eine kritische Gesinnung zu verzichten, das ist der Keim des heutigen Elends. [aus einem Beitrag in der FR]
Die Schöne und der Humvee Nach Recherchen ihrer Mitarbeiter im Irak und in Washington rückt die "Washington Post" jetzt jedenfalls von ihrer ursprünglichen Darstellung ab, wonach Jessica Lynch vor ihrer Gefangennahme das Magazin ihres M-16-Sturmgewehres leergeschossen und mehrere Angreifer getötet habe sowie ihrerseits durch mehrere Schüsse und Messerstiche schwer verletzt worden sei. Ihre Knochenbrüche, die Wirbelsäulenverletzung und eine Verwundung am Kopf scheinen von einem schweren Autounfall herzurühren: Der ungepanzerte Humvee-Jeep, in dem Lynch und andere Soldaten fuhren, geriet unter Beschuß und kollidierte mit einem amerikanischen Sattelschlepper. [via FAZ]
Was versteht man unter "embedded Correspondents"? Journalisten, die im Bett von zu Hause aus arbeiten? In die regulären Truppen der Kriegskoalition eingegliederte Journalisten? Journalisten, die zurzeit bei einer irakischen Familie untergebracht sind? Im Wüstensand oder in ausgetrockneten Flussbetten eingegrabene Journalisten? [Militär-Sprech lernen mit dem Stern]
Augenblicksversagen Josef Zengerle (CSU): Der 51 Jahre alte schwäbische Landtagsabgeordnete bretterte mit Tempo 89 durch das schöne Oberallgäu, an einer Stelle, wo kleinlicherweise nur 50 Stundenkilometer erlaubt waren. An sich sollte Zengerle, das Bengele, wegen dieser Lappalie den Lappen loswerden, aber es gibt noch Gerechtigkeit: Das Sonthofener Amtsgericht hob das verhängte Fahrverbot im Februar 2000 wieder auf, da Zengerles flotter Fahrstil auf ein "Augenblicksversagen" zurückzuführen sei. [Die CSU, das Auto, der Alk. Eine Übersicht. . Via Astrid Paprotta] Montag, Juni 16, 2003
Quote Im Quotenkampf wird jeder Joker gespielt. Der Hessische Rundfunk plant derzeit, seine beliebte Sendung Vorsicht Friedman! nach der Sommerpause unter dem Titel Vorsicht Paolo Pinkel! weiter laufen zu lassen. Sonntag, Juni 15, 2003
HOT-Koks In einer Leistungsgesellschaft, wo Medienpräsenz und Omnipräsenz als Tugenden gelten, ist Kokain als soziales Doping das ideale Werkzeug zur Leistungssteigerung. Wie im Sport, wo zur Erschleichung besserer Ergebnisse gerne Amphetamine geschluckt werden, sind daher Dopingkontrollen auch im Fernsehen angebracht. Schlaue medienwissenschaftliche Analysen hinsichtlich der geistigen Gesundheit von Moderatoren bei Sendern wie "Home Order Television" würden damit möglicherweise hinfällig. [die taz zum Thema Kokainhype] Und die BILD fragt sich in äußerster Besorgnis: Kokain! Wie krank ist Friedman wirklich?
Konditioniertes Denken Technik ist danach nicht einfach ein, und dazu neutrales, Mittel; sie ist vielmehr ein Weltverhältnis: Es verhält die Menschen dazu, die Welt in bestimmter Weise zu sehen und zu ihr sich zu verhalten; so nämlich, dass das Wirkliche als Wirksames erscheint, das von ihnen als den bewirkenden Subjekten in Regie genommen sei. In solch technischem Vor- und Herstellen der Welt sind die Menschen ihrerseits "gestellt", weswegen Heidegger, wie es seine Art ist, von dem "Ge-stell" als dem (nichttechnischen) Wesen der Technik spricht. Wie die Menschen, die wähnen, die Welt technisch zu stellen, dabei und darin selbst gestellt sind, so auch konditionieren die Medien das Denken: Der Mensch denkt, das Medium lenkt. [aus einem beitrag in der NZZ zum Thema "Medienphilosophie"] Donnerstag, Juni 12, 2003
Becks goes Real ¿Y a usted qué le pasa? ¿O es que jamás ha visto un hombre vestido de la ropa íntima de su mujer? What's wrong with you? Haven't you ever seen a man wearing his wife's undies before? [aus A cut-out-and-keep guide to some of the key phrases David Beckham might need if his transfer to Real Madrid goes ahead im Guardian]
Handelsdefizit NEW DELHI -- There's high demand for dung and urine from the sacred cows of India -- in the U.S. no less! "The Times of India" reports city officials in New Delhi will be exporting the refuse to America in the form of compost and biopesticide. A spokesman says "While there is no dearth of cows in the U.S., the demand for Indian cow dung there is quite high." [via NCBuy]
Ohne Selbsterkenntnis Internationale Studien besagen, Journalismus im deutschsprachigen Raum sei rechercheschwach. Statt Fakten zu ermitteln, würden mehrheitlich Meinungen verbreitet. Der Zeitpunkt für die Initiative ist zudem günstig. Das Ansehen des Journalismus ist ramponiert, die Tugend der Recherche verspricht neue Glaubwürdigkeit. [aus einem Artikel in "Die Welt" - ausgerechnet] Mittwoch, Juni 11, 2003
Zu blöd Die US-Armee hat den Irak durchkämmt, und während dabei viel über Saddams Vorlieben in Sachen Badezimmereinrichtung herauskam, blieb die Suche nach WMDs fruchtlos. [...] Mich überrascht allerdings weniger das Fehlen von WMDs in Irak als das offensichtliche Versagen der USA, dort welche zu verstecken. Was ist schon eine Supermacht, die nicht einmal Beweise fälschen kann? Das können sogar die Anfänger in meinem Polizeirevier um die Ecke. [Marcia Pally in der FR]
Blöd New World In der Zukunft wird es Arbeit nur noch für Künstler geben. Die kategorischen Imperative der neoliberalen Wirtschaft seien eben idealtypische Merkmale des Künstlers: Kreativität, Kommunikation, soziale Kompetenz, Projektplanung und -vermittlung und vor allem die grenzenlose Bereitschaft, sich selbst auszubeuten. Ökonomisierung hieße zugleich Kulturalisierung, und dies sei ein "Horrorszenario", denn: "Diese Kategorien zeichnen sich dadurch aus, dass sie eben gerade nicht solidarisch funktionieren." [Guillaume Paoli in der taz] Dienstag, Juni 10, 2003
Welcome to ClassicReader, where you can read, search, and annotate great works of literature by authors such as Dickens, Tolstoy, Shakespeare, and many others. Montag, Juni 09, 2003
Faktion Keiner kann mehr die Augen davor verschließen, dass sich die demokratische Politik des 21. Jahrhunderts in einer Medienwelt der virtuellen Realität entfaltet, in der Auftritt und Schein den Vorrang vor der Wirklichkeit genießen. Das zeitgemäße Genre der Politik ist weder das Faktum noch die Fiktion, sondern die "Faktion": Dokumentieren und Dramatisieren in einem, rund um die Uhr. Es ist nicht die Welt des Newspeak, sondern der News- Konzerne. [Timothy Garton Ash in der SZ]
Das Programm, das ein Bug ist Internet Explorer 6 für Windows 2000 und Windows XP zeigt zur aktuellen URL passende "verwandte Links" an und schickt dazu die Adresse der besuchten Seite an die Suchmaschinen von alexa und MSN. Nach einem Advisory der Sicherheitsfirma Secunia geschieht das auch, wenn die Funktion abgeschaltet ist und sogar in einigen Fällen bei SSL-verschlüsselten Seiten, und zwar inklusive eventuell enthaltener Benutzernamen, Passworte, Session-IDs, Suchbegriffe, Pfadangaben usw. Heise konnte bei ersten Tests übermittelte Informationen zu https-Seiten zwar nicht entdecken, schließt die Möglichkeit aber nicht aus. [von it&w] Wir empfehlen (und benutzen) den Mozilla-Browser (Mozilla-Projekt) und für den Quickie das Mozillababy Phoenix, das sich neuerdings Firebird nennt. Samstag, Juni 07, 2003
Interessanten Autoaufkleber gesehen: Unter einem Christen-Fisch-Symbol der Schriftzug: Niemand ist eine Insel. Das stimmt natürlich, es sei denn, man ist die Isle of Man. Freitag, Juni 06, 2003
Spammer sind beleidigt Erst spammen, dann drohen, dann beschimpfen, dann Nazi-Jargon: Spammer sind beleidigt im Pepilog. Und das alles garniert mit zahlreichen interessanten Varianten der Rechtschreibung. Donnerstag, Juni 05, 2003
Ich weiß, dass manche bei meinen Sprüngen nur so lange geklatscht haben, wie der Fallschirm noch zu war. Jürgen W. Möllemann am 24. September 2002.
Zensur, die aber keine ist Faced with a freewheeling Iraqi media, the U.S.-led occupation authority is devising a code of conduct for the press, drawing protests from Iraqi journalists who endured censorship under Saddam Hussein and worry for their newfound freedom. Coalition officials say the code is not intended to censor the media, only to stifle intemperate speech that could incite violence and hinder efforts to build a civil society. The country is just too fragile for a journalistic free-for-all, they say. [via Salon]
Der Wolfowitz des Tages: We just had no choice "Wir werden die Wahrheit ans Licht bringen", sagte Bush vor den US-Soldaten auf dem Stützpunkt Camp As Sajilijah., die die Ansprache des Präsidenten immer wieder bejubelten. [via Spiegel] Doch Mr. Wolfowitz war schneller: Asked why a nuclear power such as North Korea was being treated differently from Iraq, where hardly any weapons of mass destruction had been found, the deputy defence minister [Paul Wolfowitz] said: "Let's look at it simply. The most important difference between North Korea and Iraq is that economically, we just had no choice in Iraq. The country swims on a sea of oil." [via The Guardian]
Rubrik: Hurra Kongo: Endlich gehören wir auch mal zu einer Koalition der Willigen. Wurde ja auch Zeit, wo wir ja schon nicht Fußballweltmeister geworden sind. Die Polen, finde ich, sollten wir jetzt aber in Afrika nicht mitspielen lassen. Mittwoch, Juni 04, 2003
Rubrik: Ätsch Schon ein Ärgernis, klar, dass da immer die Farbe abblättern tut. Von dem Beethoven sein Geburtshaus. Muss man dann immer neu anpinseln. Anpinseln kostet Geld, Geld hat aber die Stadt nicht. Schweres Ärgernis, klar. Schuld ham die Japaner. Natürlich. Das viele Geknipse macht dem Rosafassadenrot schwer zu schaffen. Aber die Stadt Bonn ist UN-Sitz und daher clever, hat gleich ne Lösung: Einfach nen Riesenkran aufgestellt, direkt vorm Eingang von dem Beethoven sein Geburtshaus. Haus ist jetzt nicht mehr zu sehen. Auch nicht für listenreiche Photographierjapaner. Erst im Winter wieder. Da gibt's keine Japaner hier. Schont die Fassade und den Geldbeutel. Und bei der Stadt sagt jetzt jemand den ganzen Tag: "Ätsch". Dienstag, Juni 03, 2003
Compass We know where they [the WMD] are. They're in the area around Tikrit and Baghdad and east, west, south and north somewhat. Donald Rumsfeld in einem ABC-Interview. Aus der Lügensammlung der Whiskey-Bar
The Dirty Dozen What are the 12 worst corporations? Which of the biggest brands stand out for pollution, animal abuse, lethal tobacco, sweatshop labor, advertising clutter, arms sales, genetic hi-jinx - the long list of corporate crimes? Go ahead, pick your list.
Friedensdividende Salam Pax, der Weblogger ( Where is Raed?)aus Bagdad, wird eine Kolumne für den britischen Guardian schreiben. Diese soll im zwei Wochenturnus erscheinen. Seinen Namen will der 29jährige Architekt freilich nicht preisgeben. [via netzeitung] Montag, Juni 02, 2003
Rubrik: Möchtegern-Caudillo Der spanische Ministerpräsident unterstrich unterdessen mit deutlichen Worten die Notwendigkeit von Piqués Rundfunkgesetz. Aznar sagte, er wolle damit gegen den "Fernsehmüll" vorgehen, den er mit einer Plage verglich. "Es ist nicht gut, wenn man glaubt, es sei normal, sich anzuschreien, zu beleidigen und allen möglichen Unfug über andere zu erzählen." Verantwortlich dafür seien die "Fernseh-Unternehmer". Dass es viel "Fernsehmüll" gibt, teilen sicher einige in Spanien. Doch hinter dem Rundfunkgesetz vermuten viele einen Schritt in die Richtung, ein Fernsehen à la Berlusconi zu schaffen, das auf die Regierung zugeschnitten ist, wie der Abgeordnete der Vereinten Linken, Felipe Alcaraz, erklärte. Tatsächlich bauen die Konservativen seit der Machtübernahme 1996 ihren Einfluss auf die Medien ständig aus. [aus einem Beitrag bei telepolis] Sonntag, Juni 01, 2003
Rubrik: Rosen - Aufzucht und Hege Eindeutig: Dieses Jahr bietet zu viele Anlässe, die Schallplattensammlung neu zu sortieren, jedenfalls mehr Anlässe, als es sinnvolle Methoden der Sortierung gibt. Vous que dans votre enfer mon âme a poursuivies, Pauvres sœurs, je vous aime autant que je vous plains, Pour vos mornes douleurs, vos soifs inassouvies, Et les urnes d'amour dont vos grands cœurs sont pleins! [Baudelaire : Femmes Damnées (letzte Strophe), (aus: Fleurs du Mal)] Die vielfältigen Deutungsmöglichkeiten von urnes d'amour.
Rubrik: The Blair Text Project Jayson Blair, Speerspitze des amerikanischen Borderline-Journalismus', sprich Artikelfälscher, betreibt jetzt auch ein eigenes Weblog: "From the fertile mind of Jayson". By now, you're all probably a bit tired of Jayson the Journalist. Besides, he had to die so that Jayson the Sensitive Poet could live. OHA! |