MEDIEN-KONTOR:NOTIZEN  
So you want to write a fugue?
Notizen


Mittwoch, Oktober 27, 2004
Liebes Tagebuch

... ich wäre so gerne ein Schmetterling.
[Aujah. Aus einer sehr guten Polemik Analyse des Films Mimosen, noch mal die taz.]



Glaube

Ich glaube, dass es keine Intrige war und weise auch den Vorwurf zurück.
[Baden-Württembergs CDU-Fraktionschef Günther Oettinger nach seiner Intrige gegen Erwin Teufel.]

Es beginnt in der Jungen Union: Dorthin gehen junge Menschen, die sich anziehen wie ihre Eltern und auch so reden. Im Windschatten eines breiten väterlichen Kreuzes - so Oettinger in dem Teufels - kriechen sie jahrelang in Richtung Macht, dabei bereits heimlich und von Vati unbeobachtet Allianzen für den Ernstfall schmiedend - und sei es im Flugzeug über den Anden. Der offene Konflikt wird jahrelang gescheut, da er als zu gefährlich empfunden wird - der Rudelführer könnte scharf bestrafen. Erst wenn das Alphatier Schwäche zeigt, erfolgt der vernichtende Zugriff.
[Die taz erklärt die Methodik.]



Hab' Dank, oh Walker

Ihm[Ronald Reagan] verdanken wir das Ende des Kalten Krieges und die Wiedervereinigung. Gut möglich, dass wir eines Tages auch George W. Bush dankbar sein werden.
[Die "BILD", Deutschlands größte Satirezeitung, gibt ihren deutschen Lesern Wahlempfehlungen für die US-Präsidentschaftswahl. In allen bisherigen Ausgaben der letzten 14 Jahre verdankten wir die Wiedervereinigung ausschließlich Helmut Kohl. Aber der meineidige Ex-Kanzler steht gerade nirgends zur Wahl.]



Montag, Oktober 25, 2004
Titel

Sagte ich eigentlich schon, dass ich den neuen Titel des "Sterns" ziemlich beknackt, um nicht zu sagen saudoof finde? Den, auf dem ein großer großer amerikanischer Globalisierungsstiefel den kleinen kleinen deutschen Opel-Arbeiter zu zermalmen droht? Nein? Hab' ich nicht? Okay, hiermit nachgeholt.



Die Schönheit liegt im Munde des Sprechenden

Habseligkeit - Geborgenheit - Liebe

Das "Lieben" war weltweit der unangefochtene Spitzenreiter unter den eingesandten Wörtern und kam auch in Deutschland auf Platz eins, dicht gefolgt von "Gemütlichkeit" und "Sehnsucht". Die Plätze vier bis zehn belegen bei den Einsendungen die Wörter "Heimat", "Kindergarten", "Freiheit", "gemütlich", "Frieden", "Sonnenschein" und "Schmetterling".
[Quelle: Spiegel]

Ach, wie kuschelig - und überhaupt, warum nicht Habseeligkeit, wäre doch auch schön.



Montag, Oktober 18, 2004
18/10/1944

Nur 20 Minuten dauerte der Angriff, den 128 schwere Bomber der RAF am 18. Oktober 1944 auf die ungeschützte Kleinstadt Bonn flogen. Nach diesen 20 Minuten waren 400 Menschen tot und über 2.000 schwer verletzt. Unter den Toten auch mein Großvater väterlicherseits, seine Frau, saß zu diesem Zeitpunkt in einem Gestapo-Knast, wegen "öffentlicher Zersetzung der Wehrkraft" zu zwei Jahren verurteilt.
Bonn zählte zu den am meist getroffenen Städten. 70 Prozent aller Gebäude waren schwer beschädigt, 20 Prozent der Häuser ganz zerstört, ganze Stadtviertel bestanden aus Ruinen. Warum dieser Angriff, das konnte sich damals keiner erklären. Zum einen waren Tagangriffe der RAF generell eher selten, die Royal Air Force bombte lieber im Schutze der Nacht. Und dann die Frage: Warum Bonn? Keine Industrie, kaum Wehrmachtsverbände, nur Lazarette und viele Rot Kreuz-Fahnen auf den Dächern.
In den englischen Kriegstagebüchern wird dieser Angriff heute "Operation Shark" genannt und nur als eine Vorübung bezeichnet. Eine Vorübung, eine nicht geschützte Stadt aus der Luft zu zerlegen. Es war die Vorübung für Dresden.



Donnerstag, Oktober 14, 2004
Historischer Sieg

Die Nationalmannschaft von Andorra feierte nach zuvor 30 Niederlagen und 10:90 Toren mit 1:0 gegen Mazedonien den ersten Pflichtspielsieg der Verbandsgeschichte. Den historischen Treffer erzielte vor 200 Zuschauern in Andorra La Vella Marc Bernaus. Da wird McBerti bestimmt neidisch werden.



Montag, Oktober 11, 2004
Listenwahn

Endlich. Das ZDF, D-Lands Jugendsender Nr. 1, hat – unter der profunden Leitung des Chefintellektuellen Johannes B. Kerner, ermittelt, was denn der gemeine Deutsche so liest. Rund 250.000 Deutsche sollen mitgemacht haben. Und das kam raus:

1. Tolkien, John Ronald Reuel – Der Herr der Ringe
Klar, gelesen. Gut gefunden. Geliebt. Okay, ich war 15 und brauchte die Ablenkung.

2. Bibel, "Sammlung heiliger Schriften"
Nicht ganz gelesen, aber immerhin. Teilweise richtig toll und spannend. Nur an den Sexszenen muss noch ein bißßerl gearbeitet werden, die kommen so altbacken rüber.

3. Follett, Ken – Die Säulen der Erde
Geht überhaupt nicht.

4. Süskind, Patrick - Das Parfum
Nöh, dafür aber "Der Kontrabass" mal im Theater gesehen. Hat mir gefallen, vielleicht lag dies aber auch mehr an meiner blonden Begleitung. Die hat mir auch gefallen. An das Stück erinnere ich mich nicht so.

5. Saint-Exupéry, Antoine de – Der kleine Prinz
Eigentlich groß. Uneigentlich aber hoher Nervfaktor, da zu omnipräsent. Keine Trauung mehr ohne.

6. Mann, Thomas – Buddenbrooks
Gebe zu, nicht gelesen. Lese ich, wenn ich 85 Jahre bin.

7. Gordon, Noah – Der Medicus
Lese ich, wenn ich 185 Jahre bin.

8. Coelho, Paulo – Der Alchimist
Lese ich, wenn ich mit 185 Jahren den "Medicus" endlich aus habe.

9. Rowling, Joanne K. – Harry Potter und der Stein der Weisen
Geht nicht. Zu viele Gutfinder allerorten.

10. Cross, Donna W. – Die Päpstin
Geht nicht. Verstößt gegen meine strengen Glaubenssätze.

11. Funke, Cornelia - Tintenherz
Erst "Tittenherz" gelesen, sofort "voll super" gedacht. Tintenherz kenn ich nicht.

12. Gabaldon, Diana – Feuer und Stein
Dieser Politiker ist mir nicht bekannt.

13. Allende, Isabel – Das Geisterhaus
Nöh. Schaue auch nie GZSZ.

14. Schlink, Bernhard – Der Vorleser
Naja. "Die Vorleserin" ist besser.

15. Goethe, Johann Wolfgang von – Faust. Der Tragödie erster Teil
Ganz groß. Bestes Buch wo gibt.

16. Ruiz Zafón, Carlos – Der Schatten des Windes
Sagt mir nix.

17. Austen, Jane – Stolz und Vorurteil
Hab’ vor vielen Jahren mal ein Buch von Jane Austen geschenkt bekommen und auch tatsächlich gelesen, allerdings nur, um Beziehungsfähigkeit vorzutäuschen und Bettquote zu verbessern. War vergeblich, also Murks.

18. Eco, Umberto – Der Name der Rose
Sehr gut, manchmal etwas langatmig. Und der Name "von Baskerville" lenkte mich kolossal ab.

19. Brown, Dan – Illuminati
Schön spinnert. Ich auch. Aber nicht schön.

20. Fontane, Theodor – Effi Briest
Fontanes meist überschätztes Werk.

21. Rowling, Joanne K. – Harry Potter und der Orden des Phönix
Es nervt. Ansonsten s. 9.

22. Mann, Thomas – Der Zauberberg
Ja.

23. Mitchell, Margaret – Vom Winde verweht
Das hat wirklich jemand gelesen? Wahrscheinlich aber nur in der "Das Buch zum Film"-Ausgabe.

24. Hesse, Hermann – Siddhartha
Wie alle Hesses mal gelesen. Lange her. Als ich jung war. Auch lange her. Das meiste vergessen. Bis auf die Kurzgeschichten. Die sind größer als die Romane.

25. Mulisch, Harry – Die Entdeckung des Himmels
Angefangen, eingeschlafen, weggelegt.

26. Ende, Michael – Die unendliche Geschichte
Nöh. Las meine kleine Schwester, als das Buch erschien. Konnte ich also damals nicht lesen.

27. Hahn, Ulla – Das verborgene Wort
Nie gehört. Also weiterhin verborgene Worte.

28. McCourt, Frank – Die Asche meiner Mutter
Erst Curt-Mahler gelesen und gelacht. Über so viel Ehrlichkeit. Kenn ich aber nicht. Bücher mit solchen Titeln möchte ich auch nicht kennen.

29. Hesse, Hermann – Narziß und Goldmund
Guter Roman. Trotz des unglücklichen Nachnamens des Autors. Ansonsten siehe 24.

30. Zimmer Bradley, Marion – Die Nebel von Avalon
Mal drin rum geblättert. Unglaublich schwülstige Sprache. Kitsch as Kitsch can.

31. Lenz, Siegfried – Deutschstunde
Ja.

32. Márai, Sándor – Die Glut
Liegt noch ungelesen hier irgendwo rum. Nur wo? Hallo?

33. Frisch, Max – Homo Faber
Mittelstufe. Deutschunterricht. Das Buch erst nach der dazu gehörigen Klausur gelesen. Trotzdem: "1". Was nicht für mich, sondern gegen das Buch spricht. Wenn man ein Buch nicht gelesen hat, kann man eigentlich auch nur die üblichen Deutschunterrichtsklischees absondern, wenn die alle zu stimmen, sagt das alles.

34. Nadolny, Sten – Die Entdeckung der Langsamkeit
Gelesen und für gut befunden. Die Aufregung um das Buch aber nie verstanden. Aber jetzt noch mal ganz langsam.

35. Kundera, Milan – Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins
Ham' damals alle gelesen. Ich auch
Ham' damals alle gut gefunden. Ich auch.

36. García Márquez, Gabriel – Hundert Jahre Einsamkeit
Ham' damals alle gelesen. Ich auch
Ham' damals alle gut gefunden. Ich nicht.

37. Irving, John – Owen Meany
Fängt groß an und lässt dann stark nach.

38. Gaarder, Jostein – Sofies Welt
Nöh.

39. Adams, Douglas – Per Anhalter durch die Galaxis
Band eins mal gelesen. Viel gelacht. Damals. Damals habe ich aber auch immer "MAD" gekauft.

40. Haushofer, Marlen – Die Wand
Mmmhh?

41. Irving, John – Gottes Werk und Teufels Beitrag
Zu viel Irving in dieser Liste.

42. García Márquez, Gabriel – Die Liebe in den Zeiten der Cholera
Der Südamerikataumel ist so langsam vorbei.

43. Fontane, Theodor – Der Stechlin
Bestes Fontane-Werk. Obwohl ich es an der Uni lesen musste. Im Oberseminar für Germanistikklugscheißer. Das Thema meines auf vier Stunden angesetzten Referates lautete: "(Griechische) Symmetrie in der Formkonzeption von Fontanes Stechlin". Kein Scherz.

44. Hesse, Hermann – Der Steppenwolf
Viel Hesse in der Liste. Das freut den Koch.

45. Lee, Harper – Wer die Nachtigall stört...
Sagt mir nix.

46. Mann, Thomas – Joseph und seine Brüder
Den ganzen Mann haben bestimmt die Oberlehrer gewählt, um ein bißßerl Ausgleich zum "Medicus" in die Liste zu bringen. Wie sieht das auch sonst für die anderen Europäer aus ...

47. Strittmatter, Erwin – Der Laden
Nicht gelesen.

48. Grass, Günter – Die Blechtrommel
Film gelesen, Buch gesehen. Oder so. Fand ich sogar gut. Was? Beides.

49. Remarque, Erich Maria – Im Westen nichts Neues
Groß. Drei Ausrufezeichen.

50. Schätzing, Frank – Der Schwarm
Nicht mein Schwarm.

Aufgefallen? Kein Konsalik in der Liste. Wird anscheinend nur viel gekauft, aber natürlich nicht gelesen.

Die ZDF-Liste gibt es hier (1-50), die Fortsetzung hier (51-100,"Vorne mit dabei").
Dreimal Highfive für:
56. Salinger, Jerome David - Der Fänger im Roggen
59. Lindgren, Astrid - Pippi Langstrumpf
75. Hustvedt, Siri - Was ich liebte





Sonntag, Oktober 03, 2004
Schwindelgefühle

Ich bin aus dem Film herausgegangen und habe mir gedacht, dass die Hitler-Trauerarbeit in Deutschland jetzt erst Recht zu machen ist. So ein harmloser alter Trottel kann er nicht gewesen sein. In dem Film kommen auch plötzlich so viele gute Deutsche vor, dass mir noch ganz schwindlig ist.
[Der gute Deutsche Wim Wenders über "Der Untergang". Quelle: BZ-Magazin]



Freitag, Oktober 01, 2004
Kulturindustrieschutz

Kultur ist etwas völlig anderes als das, was sich diese Politiker darunter vorstellen. So wie das Leuchten und das Donnern nicht besondere Eigenschaften des Blitzes sind, die man mehr oder weniger fördern könnte, so ist die Kultur eben keineswegs jene Industrie, mit der sie oft und immer öfter verwechselt wird. Kultur ist überhaupt nicht herstellbar, schon gar nicht auf gesetzlichen Befehl. [...] Gemeint ist denn auch etwas anderes, nämlich: "Der Staat schützt und fördert den Kulturbetrieb."
[Die FR über das Bestreben interessierter Kreise, den "Schutz der Kultur" ins Grundgesetz zu schreiben.]



Duce Putin-News

Lenins berühmte Formel 'Bolschewismus = Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes' muss neu gefasst werden. Heute lautet sie: 'Putinismus = Sowjetmacht plus KGB im ganzen Land'.
[Der russische Schriftsteller Arkadij Waksberg in der heutigen SZ]



Reizmaximierung

Nur schon die Hoffnung, die Öffentlichkeit in ihrem Sinne beeinflussen zu können, muss die Terroristen darin bestärken, solche Taten zu begehen und sie dann audiovisuell auszuschlachten. Dieser propagandistische Effekt liesse sich reduzieren, wenn die Medien gar keine Bilder zeigen würden.Unbestritten dürfen die Medienschaffenden nicht schweigen. Sie müssen die Entführungen rapportieren. Aber die Abbildung von flehenden Geiseln bedeutet keine relevante Tatsachendarstellung, sondern ist ein blosser Reflex einer auf Reizmaximierung fixierten Medienindustrie.
[Quelle: NZZ]



Abenteuergeist

Hitler verwarf den Vertrag von Versailles, indem er ihn nur 'ein Stück Papier' nannte, und stoppte die Reparationszahlungen. Er flößte einfachen Menschen Abenteuergeist ein.
[Aus einem indischen Geschichtsbuch. Quelle: Spiegel]